Momo (Johannes Schaaf)

DVD-Cover "Momo"

DVD-Cover „Momo“

Wenn man es auf einen einfachen Nenner bringen möchte, besteht unser Leben am Ende aus nichts als Zeit. Was wir mit dieser Zeit tun, wie wir mit ihr umgehen, bestimmt, wie glücklich wir sind, wie viele besondere Momente wir erleben, für wie erfolgreich wir selbst oder andere uns halten und vor allem, was und wem wir in unserem Leben besondere Bedeutung beimessen.

Vor vierzig Jahren hat Michael Ende ein Buch darüber geschrieben, wie wichtig es ist, was man mit seiner Zeit anstellt, ein Buch, das für Kinder verständlich ist und für Erwachsene eine kleine Offenbarung sein kann. In diesem Roman geht es um ein ungewöhnliches Mädchen, das intuitiv weiß, was wirklich zählt: die Zeit, die man sich für sich und seine Mitmenschen nimmt. 1986 wurde „Momo“, das fünfte Buch von Michael Ende, verfilmt. Seine Hauptdarstellerin Radost Bokel machte der Film zum Kinderstar und Michael Ende selbst, der ganz zu Beginn des Films eine Statistenrolle als Mann im Zug ausfüllt, war mit der Verfilmung voll und ganz zufrieden – ganz anders als mit der Verfilmung des sechs Jahre nach „Momo“ erschienenen und zwei Jahre vorher verfilmten „Die unendliche Geschichte„. Dass der Autor der Adaption seines Buchs so vorbehaltlos zugestimmt hat, liegt wahrscheinlich auch an der Tatsache, dass der Film die Handlung seiner Vorlage originalgetreu umsetzt.


 

Momo: Ein Mädchen, das zuhören kann

Momo ist ein Kind, das nirgends hinzugehören scheint: Der Straßenfeger Beppo findet das etwa zehnjährige Mädchen eines Morgens in einer Höhle des Amphitheaters der Vorstadt, in der die Geschichte spielt. Abgetragene, viel zu große Kleidung, keinerlei Gefühl dafür, wie alt sie ist („100? 102?“) und die Weigerung, die Höhle zu verlassen, zeigen, dass Momo ohne Eltern ist und ganz offensichtlich Angst hat, in ein Kinderheim abgeschoben zu werden. Doch Beppo und die anderen Bewohner der Stadt zeigen Momo, dass sie sich nicht fürchten muss, heißen sie in ihrer Mitte willkommen und geben ihr alles, was sie zum Leben braucht: eine Bleibe, etwas zu Essen und ehrliche Freundschaft. Und ohne, dass sie es erwartet hätten, erhalten die Bewohner etwas ganz Besonderes von Momo zurück, denn die Gabe des Mädchens ist das Zuhören. Alleine dadurch, dass sie andere zu Wort kommen lässt, schlichtet sie Streit, beflügelt zu Ideen und bringt einen lange stummen Kanarienvogel wieder zum Singen.

Alles könnte für immer so harmonisch bleiben in Momos neuem Zuhause, wenn es nicht die ständig Zigarre qualmenden grauen Herren gäbe. Diese statten als Erstem dem Friseur des Orts einen Besuch ab und rechnen nach bester Berater-Manier bis auf die letzte Sekunde vor, dass der Mann seine gesamte bisherige Lebenszeit verplempert hat – unter anderem auf so unsinnige Dinge wie das Vorlesen für seine fast taube Mutter und den regelmäßigen Besuch einer Bekannten, die im Rollstuhl sitzt. Zwar erinnert der Friseur sich nach dem Verschwinden seines Besuchs nicht mehr daran, dass jemand dagewesen ist, doch die Botschaft ist mehr als deutlich angekommen. Ab sofort stellt er sein Leben um, um Zeit „zu sparen“, was auch immer das bedeutet. Die Auswirkungen sind jedoch deutlich spürbar: Nach und nach stellen alle Bewohner der Vorstadt ihr gemütliches Leben auf Effizienz und Zeitsparen um, bis fast keiner mehr Zeit hat, Momo zu besuchen. Nur noch Beppo und Gigi, der Fremdenführer, lassen sich nicht vom allgemeinen Wunsch nach Zeitsparen anstecken.

Puppen satt - Momo im Kreis ihrer Geschenke - Szenenbild aus "Momo"

Puppen satt – Momo im Kreis ihrer Geschenke – Szenenbild aus „Momo“

Momo, die gänzlich immun gegen solche Gedanken scheint, ist den grauen Herren natürlich ein Dorn im Auge. Also bekommt sie Besuch von einem aus ihren Reihen, der ihr mit dem perfekten Spielzeug genügend Ablenkung verschaffen will, um das lästige Mädchen ruhig zu stellen. Bibi Girl, die „perfekte Puppe“, die Momo als Geschenk erhält, erinnert in ihrem Zubehör- und Erweiterungswahn („Ich will mehr Sachen!“) erstaunlich stark an moderne Apple-Produkte. Doch der Bestechungsversuch geht nach hinten los, denn auch der graue Herr kann sich Momos Zuhör-Künsten nicht entziehen und plaudert prompt sämtliche Geschäftsgeheimnisse der Zeitsparkasse aus, die sich auf die Kurzformel „Weltherrschaft“ bringen lassen. Momo organisiert gemeinsam mit den anderen Kindern eine Demonstration gegen die Zeitdiebe, doch längst sind alle anderen viel zu beschäftigt, um sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen. Momo sieht sich nun einerseits dem Hass der grauen Herren ausgesetzt, andererseits allein vor der großen Aufgabe, die Menschen davon zu überzeugen, ihre eigene Zeit nicht aus den Händen zu geben und sich gegen die Fremdbestimmung zu behaupten. Ganz unerwartet erhält Momo Hilfe von Kassiopeia, einer Schildkröte, die auf ihrem Panzer Buchstaben erscheinen lassen und so mit Momo kommunizieren kann, und die sich gemeinsam mit dem Mädchen auf den Weg macht, die Welt zu retten.

Zigarrensucht: DIe grauen Herren - Szenenbild aus "Momo"

Zigarrensucht: Die grauen Herren – Szenenbild aus „Momo“

Die Geschichte von Momo hat für mich eine besondere persönliche Bedeutung, denn nicht nur habe ich aus „Momo“ gelernt, was ein Amphitheater ist und dass sprechende Puppen eigentlich ziemlich langweilig sind, nicht nur war der Roman das erste „richtige“ Buch, das ich gelesen habe, sondern darüber hinaus hat mich die Erzählung von den Zeitdieben so nachhaltig beeinflusst, dass ich auch heute noch bei einer großen Aufgabe an Beppo Straßenfegers Empfehlung denken muss, alles Schritt für Schritt anzugehen und nicht die ganze Straße auf einmal zu sehen. Als der Film „Momo“ in die Kinos kam, war ich in etwa so alt wie die Hauptfigur, und „mein“ Buch auf der Leinwand zu sehen war für mich ein ganz besonderes Erlebnis. Nachdem ich nun nach vielen Jahren „Momo“ noch einmal gesehen habe, war ich – obwohl ich das eigentlich wusste – erstaunt darüber, wie sehr Buch und Film eine Geschichte für Erwachsene sind und wie aktuell das Thema des Films ist.

Eine Sache, die ich als Kind nicht verstehen konnte, die mich aber als Erwachsene besonders angesprochen hat, war die Darstellung der Dinge, die uns die Zeit stehlen können: der Wunsch, irgendwann mehr Zeit zu haben, das Hinterherlaufen hinter Träumen, die am Ende doch nicht so erstrebenswert sind, oder auch der Irrglaube, nur durch harte Arbeit jemandem helfen zu können, den man liebt. Am Ende aber läuft doch jeder einzelne dieser Gründe auf die Ersatzwährung für Zeit hinaus, auf Geld. Denn natürlich ist die Art, wie man Zeit zu sparen versucht, einfach durch das Streben nach mehr Geld gekennzeichnet: Wenn ich heute genug Zeit investiere, um Geld für später zu erwirtschaften, kann ich es an irgendeinem Zeitpunkt in meinem Leben vielleicht wieder zurücktauschen. Dieser tief verwurzelte Glaube prägt das Wirtschaftssystem der ganzen westlichen Welt, ja, macht es erst möglich. Dabei vergisst man jedoch allzu leicht, dass Zeit vielleicht Geld ist, aber Geld noch lange nicht Zeit. Momo hat das begriffen und schafft es am Ende – natürlich – auch die Erwachsenen um sich herum zu überzeugen. Dass Michael Endes Erzählung 40 Jahre nach ihrer Veröffentlichung aktueller ist denn je, zeigt, dass Momo es in der Realität schwer hätte, Gehör zu finden. Immerhin schafft die Geschichte es, einen nachhaltig zum Nachdenken zu bringen. Allein dafür lohnt es sich, die Zeit zu investieren, diesen Film nach Jahren noch einmal anzusehen.

Infos zum Film

Momo
Land, Jahr
100 Minuten
Filmverleih: Studiocanal
Regie: Johannes Schaaf
Drehbuch: Michael Ende,
Johannes Schaaf
mit Radost Bokel, Mario Adorf,
Armin Mueller-Stahl
FSK: frei ab 6

 

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