OH BOY (Jan Ole Gerster)

Filmplakat Oh Boy

Filmplakat Oh Boy

Gut gelaufen ist anders: Für Niko Fischer (Tom Schilling) hält das Leben aktuell nur negative Überraschungen bereit. Vor zwei Jahren hat er festgestellt, dass das Jura-Studium doch nichts für ihn ist, aber da er erst mal noch Zeit zum Nachdenken braucht, hat er seine Entscheidung noch nicht so offiziell gemacht, dass auch seine Familie informiert wäre. Stattdessen lässt er sich in Berlin durch den Tag treiben, reagiert auf seine Umgebung, statt selbst das Ruder in die Hand zu nehmen, und trifft immer wieder auf Menschen, die ihn als Zuhörer für ihre Lebensgeschichte entdecken – obwohl Niko das eher unangenehm ist.

OH BOY begleitet den Endzwanziger einen Tag und eine Nacht lang auf seinen Wegen durch Berlin, und gerade diese 24 Stunden sind besonders ereignisreich. Mit seiner Freundin geht’s zu Ende, auch wenn sie ein wenig braucht, bis sie’s dann doch selber merkt.

Das nächste Highlight des Tages für Niko ist eine MPU, zu der er wegen wiederholten Fahrens unter Alkoholeinfluss muss. Und der Psychologe, vor dem Niko sitzt wie ein Fünftklässler vorm Direktor, nutzt sein kleines bisschen Macht gerne und ausgiebig, um Niko zu demütigen und tatsächlich zum Idioten zu machen.


Kein Kaffee in Berlin

Aber damit ist der Tag noch lange nicht zu Ende. Ein neugieriger und leicht aufdringlicher Nachbar bringt selbstgemachte Fleischbällchen und Schnaps vorbei, um Niko anschließend sein Leid über seine Ehe zu klagen. Der Geldautomat zieht Nikos Karte ein, weil sein Vater (Ulrich Noethen) nun wohl doch mitbekommen hat, dass er nicht Nikos Studium, sondern seine Selbstfindung unterstützt, und das anschließende Treffen mit dem Vater und seinem neuen Assistenten auf dem Golfplatz verläuft alles andere als angenehm und schon gar nicht hilfreich.

Doch ändern kann man da wohl nichts, und so lässt sich Niko weiter durch seinen Tag treiben, und er begegnet seiner ehemaligen Klassenkameradin Julika (Friederike Kempter), an die er sich überhaupt nicht erinnern kann und die ihm schmerzhaft vor Augen führt, wie unsympathisch er als Jugendlicher war.

Mit zwei U-Bahn-Kontrolleuren muss Niko auch noch diskutieren (und anschließend vor ihnen flüchten), weil er – unverschuldet – ohne Fahrschein unterwegs war. Und am Abend nach der etwas bizarren Aufführung im Off-Off-Theater werden sein Freund Matze (Marc Hosemann), der selbst erfolgloser Schauspieler ist, und er vom Regisseur persönlich vor dem versammelten Ensemble ausgeschimpft, weil sie erst zu spät gekommen sind und dann auch noch vor allem Matze sich das Lachen während der Vorstellung nicht verkneifen konnten.

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Fleischbällchen? Der Nachbar (Justus von Dohnányi) kommt zum Antrittsbesuch – Szenenbild aus OH BOY

Zwischen episodenhaften Erlebnissen, einer Mini-Schlägerei mit ein paar Halbstarken, einem Besuch mit Matze auf dem Filmset zu einem hanebüchenen Nazi-Schinken („Das basiert doch hoffentlich auf einer wahren Begebenheit?“ – „Ja, klar, Zweiter Weltkrieg halt.“) und der traurigen Lebensbeichte eines alten Mannes macht Niko vor allem dies: passiv darauf warten, was wohl als nächstes passiert, darauf reagieren, beobachten, zuhören und versuchen, irgendwie durch den Tag und durchs Leben zu kommen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Was leider nicht immer gelingt.

Dabei ist eigentlich alles, was Niko will und den Tag über vergeblich sucht, eine normale Tasse Kaffee, die es in ganz Berlin nicht zu geben scheint.

 

Großartiges Regie-Debüt mit fantastischen Schauspielern und toller Musik

Eigentlich hat das Stück schon angefangen...

Eigentlich hat das Stück schon angefangen… Niko und Matze dürfen trotzdem noch rein – Szenenbild aus OH BOY

OH BOY ist ein Großstadtfilm, der die Waage zwischen Melancholie und Witz hält. Knapp eineinhalb Stunden begleitet man den passiven, dafür aber seiner Umwelt gegenüber sehr aufmerksamen „Lebenskünstler“ Niko durch seine Stadt, und Jan Ole Gersters Berlin erinnert stark an Woody Allens New York. Die in schwarz-weiß gehaltenen Bilder und der tolle, sehr jazz-lastige Soundtrack tragen ebenfalls dazu bei, dass OH BOY ein Gefühl der Verlorenheit, die jedoch kein Grund zur Traurigkeit ist, vermittelt. Die Geschichte pendelt zwischen Drama und Komödie, ist ernst, dabei aber auch immer wieder extrem witzig, ohne je plump zu sein.

Schon allein Tom Schillings fantastische Verkörperung des orientierungslosen und oft leicht bis ziemlich genervten Berliners lohnt es, sich OH BOY anzuschauen. Noch dazu eine wunderbare und vor allem wunderbar erzählte Geschichte, die es einem einfach macht, sich auf sie einzulassen. Daher: so schnell wie möglich ins Kino!

Infos zum Film

OH BOY
Deutschland, 2012, 83 Minuten
Filmverleih: X-Verleih
Regie und Drehbuch: Jan Ole Gerster
mit Tom Schilling, Marc Hosemann,
Friederike Kempter, Ulrich Noethen
FSK: frei ab 12

 

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