I, Anna (Barnaby Southcombe)

Filmplakat "I, Anna"

Filmplakat “I, Anna”

Ihr Griff geht ständig zum Telefonapparat, die Luft in der viel zu kleinen Telefonzelle scheint zum Zerreißen gespannt. Auch ihre gespielte Unverbindlichkeit und Fröhlichkeit können nicht über ihre Nervosität hinwegtäuschen, die das Ende des Gesprächs schon ahnen lässt: Anna (Charlotte Rampling) würde gerne das Wochenende mit Tochter Emmy und Enkelin Chiara bei ihrem Ex-Mann Simon verbringen, doch der hat bereits andere Pläne. 60 Sekunden reichen, und aus der erwartungsvollen Aufgeregtheit wird enttäuschte Gewissheit. Die Anna, die die Telefonzelle am Ende der Eingangssequenz von “I, Anna” überstürzt verlässt, ist eine gebrochene Frau.

Da Anna an ihre Vergangenheit nicht mehr anknüpfen kann, versucht sie, an die Zukunft zu denken, und meldet sich unter dem Namen “Allegra” zu einem Single-Treffen an. Doch auch dort steht sie außerhalb, findet keinen Anschluss und weiß nicht, wie sie auch nur ins Gespräch mit jemandem kommen kann. Die Auswahl an Kandidaten, die sie vorfindet, ist auch alles andere als beeindruckend. Als Anna kurz davor ist, wieder zu gehen, trifft sie jedoch auf George Stone (Ralph Brown), der immerhin einen normalen Eindruck macht.



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Moderner Film Noir

Am nächsten Morgen jedoch kann George Stone gar keinen Eindruck mehr machen, denn er ist tot. Ermordet. Der Nachbar, der unter ihm wohnt, verlässt die Anonymität des Hochhauses für einen Moment, um Stone darauf aufmerksam zu machen, dass Wasser aus seiner Wohnung tropft, und entdeckt so die Leiche. Die Polizei wird gerufen, und Polizei-Detektiv Bernie Reid (Gabriel Byrne), der sich gerade in der Gegend befindet, macht sich auf den Weg zum Tatort und trifft dort als erster ein.

Statt sich gleich auf den Fall zu konzentrieren, versucht Bernie, die Probleme seiner Noch-Ehefrau und des gemeinsamen 15jährigen Sohns zu lösen. Und auch Anna lenkt Bernie ab: Als er im Flur des Hochhauses auf sie trifft, ist er sofort fasziniert von dieser Frau, deren Kultiviertheit und Zartheit gar nicht vor den Hintergrund der Hochhaus-Tristesse zu passen scheint. Für alle Fälle merkt er sich ihr Nummernschild, bevor er die Ermittlungen zu George Stones Ermordung weiter verfolgt.

Was allen Beteiligten an der Ermittlung schnell klar wird: George Stone war kein netter Mensch. Seine Ex-Frau Janet und sein verschlossener Sohn Theo leben im selben Hochhaus-Block und in ständiger Angst vor ihm. Als Theo frühmorgens mit zerschlagenem Gesicht und blauem Auge nach Hause kommt, ist für Janet klar, dass nur ihr Ex-Mann das dem gemeinsamen Sohn hat antun können. Dass der in der selben Nacht ermordet wurde, lässt Janet nichts Gutes ahnen. Theo äußert sich nicht und lässt damit Raum für Spekulationen. Also packt Janet ihre und Theos Sachen zusammen und begibt sich auf die Flucht.

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Bernie (Gabriel Byrne) und Anna (Charlotte Rampling) bei ihrem ersten Rendezvous © NFP  - Szenenbild aus "I, Anna"

Bernie und Anna bei ihrem ersten Rendezvous © NFP – Szenenbild aus “I, Anna”

Liebesgeschichte zwischen zwei Melancholikern

Bernie setzt unterdessen sein detektivisches Geschick ein, um Anna wiederzusehen. Er verfolgt sie auf eine weitere Single-Party und findet sich mit falschem Namen – dem seines Kollegen – plötzlich neben ihr wieder. Die beiden fühlen sich ganz offensichtlich zueinander hingezogen und bleiben auch nach der Party in Kontakt. Die aufkeimende Nähe zwischen Bernie und Anna wird für sie jedoch immer wieder jäh unterbrochen, wenn sie sich plötzlich an Einzelheiten ihres nicht besonders glücklich verlaufenen Abends mit George Stone erinnert.

 

I, Anna: Suche nach der eigenen Identität

“I, Anna” folgt seiner Hauptfigur auf der Suche nach ihrer Identität. Man ist die Summe so vieler Einzelheiten, dass das eigene Selbst dahinter zu verschwinden droht – die Menschen, mit denen man sich umgibt, die Familie, die eigene Vergangenheit und Herkunft, das Zuhause. Und manchmal ist man einfach der Name auf einem Schild: In gleich zwei Szenen heftet sich Anna ein Namensschild an die Brust und ist im selben Moment jemand anderes.

Bernie gibt Anna Halt © NFP - Szenenbild aus "I, Anna"

Bernie gibt Anna Halt © NFP – Szenenbild aus “I, Anna”

Weitere Themen von “I, Anna” sind die Entfremdung des Menschen, die Anonymität in der Großstadt und die Suche nach echter Nähe und Bindung in einer Welt, in der Selbstverwirklichung wichtiger ist als Verbindlichkeit. Die Veranstaltungen, die Anna besucht, suggerieren, dass es ausreicht, dass zwei Menschen einsam sind, um sich zueinander hingezogen zu fühlen, und tatsächlich ist dies bei Bernie und Anna der Fall. Wie sehr die Einsamkeit einen Menschen verändern kann, beschreibt der Film ebenfalls: Anna, die zwar mit ihrer Tochter zusammenlebt, aber dennoch ständig alleine ist, trägt ihr Lächeln wie eine Maske, die sie aufsetzt, sobald sich Kontakt mit anderen abzeichnet – selbst, wenn es nur das Telefon ist, das klingelt, was nicht oft passiert. Denn Anna ist es, die Kontakt zu anderen sucht, nicht umgekehrt. Immer wieder schlüpft sie auf ihren Wegen durch die Stadt in eine Telefonzelle, als würde diese altmodische, an einen festen Ort gebundene Form der Kontaktaufnahme ihr Halt und Orientierung geben. Nicht um das Telefonieren an sich geht es hier – das könnte Anna auch von zu Hause -, sondern um den Besuch der institutionalisierten Kommunikation in Form einer Telefonzelle.

In der Menge allein: Anna beim Speeddating © NFP - Szenenbild aus "I, Anna"

In der Menge allein: Anna beim Speeddating © NFP – Szenenbild aus “I, Anna”

Neben dieser Grundthematik bietet “I, Anna” eine gut funktionierende Kriminalgeschichte mit Film Noir-Elementen, die vor allem durch ihre künstlerische Gestaltung, ausgedehnte Kamerafahrten und besonderen Detailreichtum überrascht und überzeugt. Minutenlang tropft das Wasser von der Decke, bevor man begreift, was der Grund dafür ist. Dass Anna längst nicht alles von sich preisgibt, erkennt man auch daran, dass in etlichen Einstellungen ihr Gesicht zur Hälfte verdeckt ist. Doch auch andere Figuren werden oft nur zum Teil gezeigt: Mit offenen Karten spielt hier niemand, und “I, Anna” hält mehrere Twists und Überraschungen bereit, die den Film nicht nur zu einer genau beobachteten Studie unserer modernen Gesellschaft, sondern außerdem zu einer spannenden Verfolgungsjagd machen.

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Fantastisch besetzter Debüt-Film “I, Anna”

“I, Anna” ist der Debüt-Spielfilm von Regisseur und Drehbuchautor Barnaby Southcombe, der die Hauptrolle mit seiner Mutter Charlotte Rampling besetzte. Diese überzeugt von der ersten Sekunde an durch ihr fantastisches Spiel; die Unsicherheit einer Frau, der all ihre Lebenserfahrung im Angesicht einer auf Jugend und Schnelllebigkeit ausgerichteten Gesellschaft nichts bringt, verkörpert Rampling absolut authentisch.

Die auf dem gleichnamigen Roman von Elsa Lewin basierende Literaturverfilmung wurde während der Berlinale 2012 uraufgeführt. In die Kinos kommt “I, Anna” ab dem 2. Mai 2013.

Infos zum Film

I, Anna
Frankreich / UK / Deutschland, 2011
93 Minuten
Filmverleih: NFP Filmverleih
Regie: Barnaby Southcombe
Drehbuch: Barnaby Southcombe
mit Charlotte Rampling, Gabriel Byrne,
Hayley Atwell, Eddie Marsan, Ralph Brown
FSK: frei ab 12

 

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