Die schönen Tage von Aranjuez (Wim Wenders)

Nervengift in Dialogform nach einem Theaterstück von Peter Handke:

die-schoenen-tage-von-aranjuezEin herrlicher Garten an einem lauen Sommertag. Eine Frau und ein Mann sitzen an einem Tisch und unterhalten sich über das Leben, die Liebe und die Jugend. Hinter den beiden im Haus: Der Schriftsteller, der die beiden gerade erschaffen hat und ihren Dialog auf seiner Schreibmaschine zu Papier bringt. Ein „spannendes Gespräch“, das „offenbart, wie verschieden Frauen und Männer sind“, ein „Schlagabtausch, dessen Grundbedingung eine bedingungslose Ehrlichkeit ist.“ So in etwa die Pressenotiz. Leider kann ich nichts dergleichen in diesem Film finden.

Also nochmal: Ein Mann sitzt an seiner Schreibmaschine. Vor ihm tut sich das Bild eines Mannes und einer Frau in einem Garten auf. Er lässt die beiden reden und reden und reden … und nichts rührt sich. Ein Film über einen Schriftsteller, der sich an einer Geschichte abmüht, die keine werden will, der seinen Figuren Leben verleihen will und dem das nicht gelingt, der kunst- und sinnvolle Dialoge schaffen will, aber nur Worthülsen aneinanderreiht. Bloß dass er das selbst nicht merkt. Stattdessen: eine ausschweifend metaphorische, überpoetische Sprache, die Tiefsinn suggerieren will, aber eigentlich eine gähnende Bedeutungsleere verdeckt.



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Wie man viel redet und nichts sagt

Dieser Film macht es dem Zuschauer wirklich nicht leicht, dem „Geschehen“ zu folgen, geschweige denn darin ab- oder auch nur einzutauchen. Wenn die Frau von ihrem ersten Sex erzählt, dann sehen wir nicht das alte Salzwerk, nicht die Hütte, nicht den Mann, der ihr erster Liebhaber war, sondern wir sehen die Frau im Gartenstuhl, wie sie sich in fulminanten, aber bedeutungslosen sprachlichen Bildern und pseudophilosophischen Zweideutigkeiten ergeht, und einen Mann, der ihr Fragen stellt nur um des reinen Akts des Fragens willen, weil das zum Dialog gehört. Es entfaltet sich ein zäher Wortfluss, ein Sprachrhythmus, der vor allem eins ist: einschläfernd, weil er einfach gar nichts aussagt. In diesem Sinne lehrt uns der Film, wie man extrem viel reden und dabei sehr wenig sagen kann.

Dazu gesellt sich eine formal genauso einwandfreie, doch atmosphärisch leider nicht überzeugende visuelle Umsetzung mit einer etwas zu idyllischen Szenerie, etwas zu sanften Kamerabewegungen und etwas zu pathetischen Darstellermienen. Ein Sommertag in einem Garten, den Rosamunde Pilcher nicht kitschiger hätte beschreiben können. Und als wäre das nicht genug, gibt es das Ganze auch noch in 3D. Das soll einen „natural depth“-Effekt kreieren, wirkt aber gerade durch die Plastizität der ohnehin zu farbintensiven Bilder mehr gekünstelt als kunstvoll.

Ein Plus ist die Musik, die wirklich schöne Stücke beinhaltet, aber andererseits leider selten zum Geschehen passt. Daran ändert auch Nick Cave höchstpersönlich am Klavier nichts.

Wie viel Geschwätz kann man ertragen?

Die schönen Tage von Aranjuez ist ein selbstreferenzieller Film, ein Film übers Drehbuchschreiben und Filmemachen, und die eigentliche Hauptfigur ist der Schriftsteller, übrigens eine Erfindung von Wim Wenders in Anlehnung an seinen Freund Handke, in dessen Theatervorlage die Figur nicht vorkommt.

Autoren und Filmemachern geht es ja gleichermaßen ums Geschichtenerzählen. Und da lautet eine ganz einfache Grundregel: Das Wie ist genauso wichtig wie das Was. Es gibt unzählige Filme mit wenig Handlung und viel Bedeutung, weil das wenige, was da erzählt wird, so erzählt wird, dass es rüberkommt.

Dass in diesem Film so gut wie nichts passiert, ist also noch kein Zeichen dafür, dass er schlecht ist. Wohl aber, dass man auch rein gar nichts dabei fühlt außer einer zähen, nervenaufreibenden Langeweile. Was der Film an Handlung und Eindeutigkeit vermissen lässt, macht er nämlich auch atmosphärisch nicht wett.

Damit stellt er den Zuschauer auf eine echte Geduldsprobe. Dieser wiederum stellt sich nach 30 Minuten Non-Sense und dabei aufkeimender Aggression womöglich nur noch eine Frage: Wie viel Geschwafel kann ich ertragen? Die individuelle Antwort entscheidet darüber, wer es schafft, bis zum Ende im Kino zu bleiben und wer vorher Reißaus nimmt.

Der Künstler, der sich selbst vorführt? Ein Rettungsversuch …

Wen soll man jetzt für dieses Desaster verantwortlich machen? Peter Handke wegen der langatmigen, verschwenderisch blumigen und inhaltlich so sinnentleerten „Dialoge“ in der Vorlage? Oder Wim Wenders, der die unerträgliche Bedeutungsarmut filmisch so adäquat unterstreicht? Man hätte die Geschichte, bei allen öden und nichtssagenden Gesprächsfetzen, ja auch anders zeigen können.

Vielleicht ist die einzige Möglichkeit, diesen Film als „gelungen“ zu bezeichnen, eine durch und durch ironische Lesart. Der Schriftsteller schafft es nicht, eine gute Geschichte zu schreiben. Und der Filmemacher schafft es auch mit knalligen Sommerfarben und 3D-Effekten nicht, dessen verschwommener Vorgabe Kontur zu verleihen. In dieser einen Hinsicht überzeugt der Film also – leider ungewollt – auf ganzer Linie: als Dokumentation einer künstlerischen Flaute.

Der Film startet in deutschen Kinos am 26.1.17.

Infos zum Film

Die schönen Tage von Aranjuez
2016
97 Minuten
Filmverleih: NFP marketing & distribution
Regie + Drehbuch: Wim Wenders
mit Reda Kateb, Sophie Semin, Jens Harzer, Nick Cave
FSK: frei ab 12

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