Laurence Anyways (Xavier Dolan)

Bildgewaltige Geschichte einer besonderen Liebe: 4.0 Stars

Filmplakat "Laurence Anyways"

Filmplakat „Laurence Anyways“

Laurence zieht die Blicke auf sich – jedoch keine bewundernden oder anerkennenden Blicke, sondern erschrockene, verwunderte, ausgrenzende. Mit diesen Blicken beginnt der Film „Laurence Anyways“, drei Minuten lang muss man sich als Zuschauer angestarrt fühlen, bevor man selbst ein wenig von Laurence zu sehen bekommt, doch nur für einen kurzen Moment, bevor der Film zehn Jahre in die Vergangenheit springt.

Es ist 1989, Laurence (Melvil Poupaud) lebt seit zwei Jahren in einer unbeschwert-glücklichen Beziehung mit seiner Freundin Fred (Suzanne Clément), unterrichtet französische Literatur und feiert selbst erste bescheidene Erfolge als Schriftsteller. Doch trotz seines scheinbar erfüllten Lebens fühlt Laurence sich in Wahrheit schon sein Leben lang zerrissen, denn er fühlt sich als Frau. Als er Fred an seinem 35. Geburtstag gesteht, dass er innerlich stirbt, wenn er nicht endlich als Frau lebt, scheint dies die Beziehung zu beenden. Fred kann mit der Nachricht nicht umgehen und verlässt Laurence, um sich bei ihrer Mutter und ihrer Schwester Stef Unterstützung zu holen. Unterdessen gesteht Laurence seiner Mutter, was er fühlt und was er vorhat. Da die beiden nie ein inniges Verhältnis hatten, reagiert sie auch jetzt distanziert, jedoch nicht wirklich überrascht. Stattdessen erklärt sie ihrem Sohn, dass sie eigentlich schon immer damit gerechnet hat, dass er homosexuell ist. Doch Laurence interessiert sich im Gegensatz zur Vermutung seiner Mutter nach wie vor für Frauen, er möchte nur auch selbst eine sein.


 

Alle Grenzen überwindende Liebe

Nachdem jeder Fred dazu geraten hat, die Beziehung mit Laurence einfach abzuhaken, merkt sie, dass sie das nicht kann. Also kehrt sie  zurück, um Laurence zu helfen, seinen Weg als Frau zu gehen. Der erste Schritt in sein neues Leben findet in der Schule statt, wo er von nun an in Frauenkleidern unterrichten möchte. Mehrere Anläufe braucht er, um das wirklich durchzuziehen, aber dann ist der Tag gekommen, in dem Laurence morgens selbstverständlich in Rock und High Heels vor die Klasse tritt. Die Klasse verstummt, die Stille wird unerträglich, fast körperlich spürbar, bis eine Schülerin die Situation rettet, indem sie ganz einfach eine fachliche Frage stellt und so die Normalität wieder herstellt. Nachdem das viel besser als erwartet verlaufen ist, scheint dem gemeinsamen Glück von Laurence und Fred nichts mehr im Wege zu stehen. Diese geht sogar mit Stef eine Perrücke für Laurence kaufen.

Laurence und Fred - Szenenbild aus "Laurence, Anyways"

Laurence und Fred – Szenenbild aus „Laurence, Anyways“

Doch natürlich bleiben die Komplikationen nicht aus. Fred stellt fest, dass sie schwanger ist, und lässt heimlich eine Abtreibung vornehmen. Und Laurence verliert seine Stelle an der Schule, da die Eltern nicht annähernd so tolerant sind wie seine Schüler und damit drohen, an die Presse zu gehen. Fred schafft es nicht mehr, die Ausgegrenztheit zu ertragen und entschließt sich, Laurence zu verlassen, um ein „normales“ Leben mit Ehemann und Kind zu führen. Doch auch Jahre später fühlen sich die beiden zueinander hingezogen.

„Laurence Anyways“ erzählt die Geschichte einer Liebe, die größer ist als alle sozialen Grenzen und teilweise größer als die Vernunft. Immer wieder trennen sich Fred und Laurence und finden wieder zueinander, und immer wieder kann man ihre Entscheidungen als Zuschauer nachvollziehen. Die Emotionen in „Laurence Anyways“ finden sich dabei nicht nur in der Erzählung wieder, sondern werden an den verschiedensten Stellen auch visuell in Szene gesetzt. So zeigt sich Freds ganze Traurigkeit, als sie Laurences neueste Veröffentlichung liest, indem es mitten im Wohnzimmer zu regnen beginnt. Auch die Farbgebung etlicher Szenen ist perfekt abgestimmt und unterstützt die Geschichte: In einer Szene sitzen sich Fred und Laurence in einem Restaurant gegenüber, die Wände  hinter ihnen sehen völlig unterschiedlich aus und beide sind so angezogen, dass sie fast in ihrer jeweils eigenen Wand „verschwinden“.

Laurence führt sein Leben als Frau - Szenenbild aus "Laurence Anyways"

Laurence führt sein Leben als Frau – Szenenbild aus „Laurence Anyways“

Nicht nur die Bildsprache ist gewaltig, auch der Soundtrack, der die 1990er wieder auferstehen lässt, ist perfekt auf diese besondere Liebesgeschichte abgestimmt und reicht von „The Cure“ bis Beethoven.

Xavier Dolan, Regisseur und Drehbuchautor von „Laurence Anyways“, drehte 2009 seinen Debüt-Film „Ich habe meine Mutter getötet“ – mit damals gerade mal 20 Jahren. Zuvor sammelte er selbst Schauspiel-Erfahrung in verschiedenen Filmen und Fernsehserien. „Laurence Anyways“ ist sein dritter Spielfilm.

Infos zum Film

Laurence Anyways
Kanada / Frankreich, 2012
166 Minuten
Filmverleih: NFP
Regie: Xavier Dolan
Drehbuch: Xavier Dolan
mit Melvil Poupaud,
Suzanne Clément, Yves Jacque
FSK: frei ab 6

 

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