Vergiss mein nicht! (Michel Gondry)

Vergiss mein nicht

Filmplakat zu „Vergiss mein nicht!“

Wer beim Schlendern durch die Videothek nach einem kurzen Blick auf den Titel mit Schulterzucken und einem kurzen “Och nö” an “Vergiss mein nicht!” vorbeigeht, hat zwar was verpasst, aber dennoch mein vollstes Verständnis. Der deutsche Titel hört sich – seien wir ehrlich – nach schnulziger Romantikkomödie an, die ich wahrscheinlich auch nicht angesehen hätte, wenn ich nicht gewusst hätte, dass das Drehbuch von meinem Lieblingsdrehbuchautoren Charlie Kaufman (Being John Malkovich, Adaption, Synecdoche New York) stammt. Und manchmal darf man sich offensichtlich wie bei Büchern vom Einband bei Filmen nicht vom Titel abhalten lassen.

In „Vergiss mein nicht!“ (im Original ganz anders und viel schöner „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“) geht es tatsächlich um Liebe, aber nicht um zwei, die am Ende nach vielen komischen Verwicklungen doch noch zueinander finden und bis zum Abspann glücklich miteinander leben, sondern um das, was kommt, wenn die erste Verliebtheit vorbei ist, wenn man feststellt, dass es doch nicht so gut passt, wie man gedacht hat, wenn die Erinnerungen an bessere Zeiten nur noch schmerzen und es einem viel lieber wäre, das alles wäre nicht passiert.

Warum “Vergiss mein nicht!” ein typischer Vertreter des neuen Sub-Genres “Melancholische Komödie” ist, lest ihr hier.

 

Anfänge und Enden

Jim Carrey

Verloren in der eigenen Erinnerung
(Szenenfoto aus „Vergiss mein nicht!“)

Am Valentinstag begegnen sich Joel (Jim Carrey) und Clementine (Kate Winslet) am Strand in Montauk. Beide fühlen sich zueinander hingezogen, verbringen den Tag miteinander, und obwohl Joels fast ängstliche Zurückhaltung und Clementines Impulsivität sofort zeigen, wie unterschiedlich die zwei sind, ist es klar, dass sie jetzt schon zusammengehören. So richtig. Clementine ist sich sogar sicher, dass sie Joel heiraten wird. Die darauf folgende Nacht verbringen sie damit, Sterne vom zugefrorenen See aus zu beobachten. Als die beiden morgens zurück fahren, will Clementine nur noch schnell ihre Zahnbürste holen, bevor sie mit zu Joel kommt – und wir wissen ja alle, was das bedeutet.

Doch an dieser Stelle wird die Geschichte nicht weitererzählt. Stattdessen sieht man Joel allein, weinend, die Beziehung ganz offensichtlich beendet. Als er Freunden gegenüber verzweifelt erzählt, dass Clementine ihn nicht mal mehr erkannt hat, als er sie auf der Arbeit besucht hat, erfährt er, dass sie sich die Erinnerungen an ihn hat löschen lassen. Joel hat noch nie etwas von diesem Service gehört, aber er geht sofort zum Anbieter – eine Firma namens Lacuna – um eine Erklärung zu verlangen. Dass Clementine sich nicht mehr an die gemeinsame Zeit erinnern wollte, schmerzt natürlich noch mehr, und so entscheidet sich Joel zur gleichen Prozedur.

 

Sich doch lieber erinnern?

Damit Joel nach der Prozedur in seiner gewohnten Umgebung aufwacht, kommen zwei Lacuna-Mitarbeiter (Elijah Wood und Mark Ruffalo) zu ihm nach Hause, um dort sein Gedächtnis zu manipulieren. Ganz aufmerksam sind die beiden nicht, da sie Besuch der Lacuna-Empfangsdame Mary (Kirsten Dunst) erhalten, die für Ablenkung sorgt. Und so ist sich Joel während der Arbeiten an seinem Gedächtnis bewusst, was da passiert – und während eine Erinnerung nach der anderen gelöscht wird, wird ihm klar, dass er sie behalten möchte (die Erinnerungen und natürlich auch Clementine), und er versucht, aus der Bewusstlosigkeit aufzuwachen, um zu beenden, was er in Gang gesetzt hat.

„Vergiss mein nicht!“ handelt vor allem von den Gefühlen, die man hat, wenn etwas zu Ende geht: Alleine die Tatsache, dass Joel und Clementine eine tolle Zeit zusammen hatten, die jetzt vorbei ist, ist für beide kaum auszuhalten, so dass sie lieber gar nichts mehr davon wissen wollen. Wer Jim Carrey nur als grimassenschneidenden Clown kennt, erlebt ihn hier ernst und melancholisch. Wie in vielen Filmen von Charlie Kaufman (der für das Drehbuch zu „Vergiss mein nicht!“ 2005 mit dem Oscar ausgezeichnet wurde) gibt es auch hier zum Teil recht schräge Szenen, die sich in Joels Unterbewusstsein abspielen. Diese Erinnerungssequenzen sind außerdem oft durch leicht verwackelte Bilder geprägt, was ein zusätzliches Gefühl der Unwirklichkeit erzeugt. All dies macht „Vergiss mein nicht“ zum Gegenteil dessen, was sein Titel vermuten lässt.

 

Schwächen in der Übersetzung

Abgesehen davon, dass “Vergiss mein nicht!” ein sehr ungewöhnlicher, melancholischer und manchmal ein bisschen schräger Film über die Liebe und das Erinnern ist, ist er auf der anderen Seite leider auch ein gutes Beispiel dafür, warum ich Filme lieber im Original als in der Synchronfassung sehe. Wenn Joel am Telefon auf Clementine’s Frage “Do you miss me?” mit “Oddly enough, I do.” antwortet, ergibt es durchaus Sinn, dass sie anschließend behauptet: “Ha Ha! You said, I do. I guess that means we’re married.” Man könnte das ja locker mit “Willst du mich gleich wiedersehen?” – “Ja, das will ich.” übersetzen, um den Sinn des ganzen Gesprächs wiederzugeben. Da nur Jim Carrey im Bild ist, hätte man nicht mal Probleme mit der Synchronizität. Oder, wenn einem egal ist, was dabei herauskommt, einfach “Fehle ich dir?” “Ja – das tust du.” “Dann sind wir jetzt verheiratet.” übersetzen – und stumpf weghören, wenn das Publikum laut “Hä?” fragt. Und was ich davon halte “Eternal Sunshine of the Spotless Mind” mit “Vergiss mein nicht!” zu übersetzen, habe ich ja schon angedeutet.

Insgesamt aber ist „Vergiss mein nicht!“ ein toll besetzter und sehenswerter Film über Anfänge und Enden und den Umgang damit. Den man – natürlich – nicht so schnell vergisst.

Infos zum Film

Vergiss mein nicht!
(Eternal Sunshine
of the Spotless Mind)

USA, 2004
104 Minuten
Filmverleih: Constantin Film
Regie: Michel Gondry
Drehbuch: Charlie Kaufman
mit Jim Carrey, Kate Winslet,
Kirsten Dunst, Mark Ruffalo,
Elijah Wood
FSK: ab 12 Jahre

 

 

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