Les Misérables (Tom Hooper)

Filmplakat "Les Misérables"

Filmplakat „Les Misérables“

Ich gebe es zu: Als ich vor gut 15 Jahren das Musical Les Misérables in London gesehen habe, fand ich es einfach deprimierend. Und das nicht etwa, weil mir die Story so zu Herzen gegangen wäre, sondern weil ich es schlichtweg als uninspiriert und teure Zeitverschwendung empfand. Nachdem ich nun gestern Tom Hoopers Oscar-nominierte Verfilmung des Stoffes gesehen habe, weiß ich, was damals in London nicht gestimmt hat: bei mir auf dem Zuschauerrang war nicht ein Funken der großen Emotionalität angekommen, aus der Les Misérables eigentlich besteht. Gestern jedoch habe ich den gefühlsintensivsten Film seit langem gesehen, bei dem ich gar nicht anders konnte, als gemeinsam mit Figuren und Publikum zu leiden, zu verzweifeln und zu lieben.

 

Ein Film mit vielen Geschichten: Les Misérables

Auch wenn die Figuren auf dem Filmplakat alle miteinander verbunden sind, erlebt man dennoch jedes ihrer Schicksale als eigene, sehr dramatische Geschichte. So zum Beispiel das schwere Los des ehemaligen Gefangenen Jean Valjean (Hugh Jackman, nominiert für den Oscar als bester Hauptdarsteller und mein persönlicher Favorit für den Preis), der wegen einer nachvollziehbaren Bagatelle nicht nur 19 Jahre Haft verbüßt hat, sondern anschließend untertauchen musste, um ein neues Leben beginnen zu können. Im Laufe seines Lebens plagen ihn immer wieder Gewissensbisse (siehe Video-Szene seines Songs „Who am I?“), und das einzig Schöne erscheint ihm die Tatsache, dass er Cosette (Amanda Seyfried) wie seine eigene Tochter aufziehen durfte. In einem sehr schönen Solo besingt Valjean die Tatsache, dass Cosette das einzige Wesen in seinem Leben ist, das selbigem überhaupt einen Sinn gegeben hat. Als sich die mittlerweile junge Frau in einen jungen Mann verliebt, nimmt Valjean viele Gefahren auf sich, um die beiden zu vereinen – wissend, dass er damit das ihm Wertvollste für immer loslassen muss.



_

Doch auch das Schicksal von Cosettes leiblicher Mutter Fantine (Anne Hathaway, zu Recht nominiert für den Oscar als beste Nebendarstellerin) lässt einen alles andere als kalt. In dem wohl großartigsten und anrührendsten Solo-Lied des ganzen Films singt Fantine über ihre Lebensträume, die einer nach dem anderen grausamer Realität weichen mussten: Ihr uneheliches, geliebtes Kind Cosette musste Fantine zu Pflegeeltern geben, ihren Arbeitsplatz in einer Fabrik verlor sie, so dass ihr außer Prostitution und dem Verkauf ihrer Haare und Backenzähne keine Möglichkeit mehr geblieben ist, ihr simples Überleben zu finanzieren. Das einzige, was ihr bleibt, ist Valjean zu bitten, Cosette wie seine eigene Tochter aufzuziehen.

Mehr über den genauen Inhalt des Films lest ihr in unserem Ankündigungs-Artikel zu Les Misérables.

 

Warum ist Les Misérables so gefühlsecht?

Regisseur Tom Hooper („The King’s Speech“) wagte in dieser Musical-Adaption etwas völlig neues: Er ließ die Schauspieler alle Lieder live singen. Der folgende Clip zeigt eindrucksvoll, welche Herausforderungen, aber auch Chancen sich dadurch für die Schauspieler ergaben. Normalerweise nehmen bei Musical-Film-Produktionen die Schauspieler ihre Songs vor Drehbeginn im Studio auf und die Tonspuren werden später als Playback in den Film eingebaut. Das Problem bei so einer Studio-Aufnahme, erläutert von Schauspieler Eddie Redmayne: Sämtliche Spiel-Entscheidungen werden gefällt, bevor man die Kollegen, mit denen man die Szenen spielt, überhaupt zu Gesicht bekommt. Anne Hathaway erklärt, dass man eine wichtige Entscheidung treffen muss, wenn man will, dass die gespielten Gefühle unmittelbar beim Zuschauer ankommen: Man muss sich gegen eine „schöne“ Version entscheiden und für eine echte. Nur so lässt sich die Verletzlichkeit der Stimme mit der Emotionalität des Texts verbinden. Ich weiß genau, was Eddie Redmayne meint, wenn er über das fantastische Solo von Anne Hathaway spricht. Das Lied kannte er lange vorher, aber erst als er es von Anne hörte, nahm er auch zum ersten Mal den Text wahr.

Fazit zu Les Misérables

Ich habe noch nie so viele Leute im Publikum schniefen und aufschluchzen hören wie in diesem Film. Und ich spreche hier von Frauen UND Männern! Der Film macht etwas mit einem, und man kann sich kaum dagegen wehren. Er zeigt nicht nur viele sehr traurige, rührende, dramatische und ungerechte Schicksale (die Romanvorlage von Victor Hugo heißt nicht umsonst „Die Elenden„), er bringt einem die Emotionen so nah, dass man sich ihnen nicht entziehen kann. Das liegt zum einen an den wirklich tollen Schauspielern (meine persönliche Überraschung des Films: Anne Hathaway), die ausnahmslos fantastisch singen können. Zum anderen liegt es an den Möglichkeiten, die Hooper nutzt, um einen in den Gesangs-Szenen ganz besonders nah an die Figur heranzubringen. Was aber das Wichtigste ist: Hoopers gewagtes Experiment bezüglich Live-Gesang hat sich absolut bezahlt gemacht. Ich persönlich habe jedes Wort geglaubt, das mir an diesem Abend vorgesungen wurde. Und ich überlege jetzt schon, wann ich den Film das nächste Mal sehen kann.

Infos zum Film

Les Misérables
USA, 2012
157 Minuten
Filmverleih:
United Pictures International
Regie: Tom Hooper
Drehbuch: Bill Nicholson
mit Hugh Jackman, Russel Crowe,
Anne Hathaway, Amanda Seyfried,
Eddie Redmayne, Helena Bonham Carter
FSK: frei ab 12

 

[footer] Google

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Seite verwendet Cookies. Mehr Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen