Eine Frau auf dem Rücksitz eines Cabrios, neben ihr der Hund des Ehepaars, das vorne im Auto sitzt und die Frau für ein Wochenende in eine Jagdhütte in Oberösterreich mitnimmt. Das Wetter ist herrlich, die Landschaft atemberaubend und das Verdeck offen. So rauschen die vier dahin, dringen ein in die Natur, mit laut aufgedrehtem Radio, aus dem ein aufdringlich fröhlicher Song spielt. Doch so laut und fröhlich bleibt die Stimmung nicht.
Rahmenhandlung von Die Wand
Im Jagdhaus angekommen beschließt das Ehepaar, noch einen Spaziergang zum nächsten Dorf zu unternehmen. Die Frau (Martina Gedeck), deren Name nicht genannt wird, bleibt allein zurück mit dem Hund (“Luchs”) des befreundeten Paares. Hund und Frau nähern sich erschrocken bis vorsichtig einander an, man spürt, dass sie sich anfangs noch fremd sind. Um neun Uhr abends beschließt die Frau, schlafen zu gehen, da das Paar noch nicht zurück ist.
Sie erwacht am nächsten Morgen, da sie von Luchs’ Winseln geweckt wird, der dringend vor die Tür muss. Die Frau stellt fest, dass ihre Freunde immer noch nicht zurückgekehrt sind. Sie zieht verschiedene Gründe in Betracht, unter anderem, dass der Mann vielleicht einen Herzanfall erlitten haben könnte und das Paar deshalb gezwungen war, im Dorf zu bleiben. Also macht sie sich zu Fuß auf den Weg dorthin. Unbeholfen stolpert sie im weißen Kleid und auf hohen Absätzen Luchs hinterher, der ein Stück vorausläuft. Irgendetwas scheint Luchs jedoch zu erschrecken, denn plötzlich hört man aus der Ferne sein Winseln. Als die Frau ihn erreicht, sitzt er jaulend am Weg mit blutender Schnauze. Die Frau tröstet ihn und ermahnt ihn zum Weiterlaufen. Sie geht voraus und prallt plötzlich gegen sie: die Wand.
| Die Wand Deutschland, 2011 108 Minuten Filmverleih: Studiocanal Regie und Drehbuch: Julian Roman Pölsler mit Martina Gedeck FSK: ab 12 |
Die Wand sieht man nicht, sie wird erst durch die Frau sichtbar, die ohne Vorwarnung dagegen läuft und deren Gesicht und Hände sich dagegen drücken wie an eine Glasscheibe. Die Wand macht außerdem ein Geräusch, wenn sie durch die Frau berührt wird, ein Geräusch wie ein elektronisches Summen. Die Frau kann es zunächst nicht fassen, sie setzt sich einige Meter von der Wand entfernt hin und denkt nach. Was sie am meisten erstaunt, ist nicht etwa die Existenz der Wand, sondern vielmehr die Tatsache, dass sich nicht längst die Leute des Dorfes davor versammelt haben, denn soetwas dürfte in ihren Augen nicht lange unentdeckt bleiben. Dann nähert sie sich erneut der Wand, tastet sie ab, um festzustellen, wie breit diese ist. Auf ihrem Weg an der Wand entlang entdeckt sie schließlich eine weitere Hütte mit Menschen davor, doch diese erscheinen wie eingefroren, als sei für sie die Zeit stehen geblieben. Sie reagieren nicht auf das verzweifelte Hämmern der Frau gegen die Wand.
Die Frau begibt sich schließlich mit Luchs zurück ins Jagdhaus und organisiert nach und nach das gemeinsame Überleben. Sehr bald gibt sie die Hoffnung auf, dass jemand die beiden findet oder dass es irgendwo eine Lücke in der Wand gibt, deren Ausmaße sie auf verschiedenen Erkundungszügen erforscht. Schon bald geht sie körperlich mühsamer Arbeit nach wie Gemüseanbau, Heuernte, Nahrungssuche, Jagd und der Versorgung der verschiedenen Tiere, die ihr nach und nach “zulaufen”. Luchs ist stets an ihrer Seite und wird zu einem so engen und wichtigen Freund für die Frau, das sie in dem Moment, als Luchs’ Leben bedroht wird, zu allem bereit ist. Später beginnt sie, ihren Bericht über das Erlebte zu schreiben, mit immer kürzer werdenden Bleistiftstummeln auf der Rückseite von altem Geschäftspapier. Sie schreibt diesen Bericht für sich selbst und um, wie sie sagt, nicht den Verstand zu verlieren und in einen Abgrund zu stürzen.
Die Erzählerin
Bis auf die wenigen Dialoge zu Beginn des Films wird dieser ausschließlich von der Frau, also Martina Gedeck, erzählt. Ich habe ihre Stimme schon immer als besonders empfunden, und zwar als eine Stimme, an der man nicht vorbeikommt, die man sozusagen nicht ignorieren kann. Diese Stimme ist nicht unangenehm, aber sie ist anders als “normale” Stimmen. Wann immer ich Martina Gedeck sprechen höre, denke ich, sie hätte einen Kloß im Hals. Außerdem betont sie manche Wörter auf ungewöhnliche Art und Weise, was beim Zuhören eine fast getragene Stimmung hervorruft. Mit dieser Stimme ist die Rolle der Erzählerin perfekt besetzt, denn sie zwingt den Zuschauer bzw. Zuhörer, das gezeigte Schicksal als ein ganz persönliches wahrzunehmen und die geäußerten Gedanken und Empfindungen an sich herankommen zu lassen und nachzuempfinden. Dies sorgt dafür, dass man komplett in der Geschichte, der Stimmung und der Atmosphäre versinkt.
Stimmung in Die Wand
Eins ist klar: Für Leute, die in einem Film viel Action erwarten, ist “Die Wand” nichts. Man sollte bereit sein, 108 Minuten lang in die Atmosphäre des Films und den inneren Monolog bzw. den Bericht der Erzählerin einzutauchen. Die meist düstere Atmosphäre entsteht vor allem durch die Bilder, die oft so dunkel sind, dass man nur noch Umrisse erkennen kann. Da wird nichts künstlich ausgeleuchtet, denn man soll sich wie die Frau vollkommen auf die Natur und ihre Bedingungen einlassen: Wenn es Nacht ist, ist es nunmal dunkel, wenn es im Winter früh dämmert, ist eben auch die Stimmung trüb. Um diese Nähe zur Natur, wie die Frau sie nach und nach entwickelt, zu unterstreichen, kommt der Film auch mit sehr wenig Musik aus. So haben die Ohren Gelegenheit, sich vollkommen auf die Naturgeräusche einzulassen, sei es ein Gewitter, das von den Bergen wiederhallt, Wind, der ums Haus pfeift, knackende Äste im Wald, prasselnder Regen oder tanzende Schneeflocken.
Obwohl sich die Frau als das einzige Wesen in diesem Mikrokosmos wahrnimmt, das Unrecht tun kann (z.B. durch Jagen), erlebt sie auch sehr schöne Momente, in denen sie sich “besänftigt” fühlt. Man sieht sie dann gemeinsam mit Luchs an einen Baum gelehnt oder auf einer Alm in der Sonne sitzen und kann das Gefühl nachempfinden, dass sie in Einklang mit der Natur lebt.
Fragen entstehen beim Zuschauen
Da “Die Wand” wie gesagt relativ handlungsarm ist, hat man als Zuschauer genug Gelegenheit, sich selbst zu fragen, wie man mit der Situation umgehen würde. Fragen, die ich mir z.B. gestellt habe: Hat die Frau wirklich alles versucht, die Wand zu überwinden? Hätte ich mich so schnell mit der Situation abgefunden? Ist die Frau vielleicht sogar ganz glücklich mit ihrem neuen Leben? Wie würde ich selbst mit der Einsamkeit umgehen? Wie hätte ich reagiert, wenn etwas das Leben meines besten Freundes bedroht hätte?
Fazit über “Die Wand”
“Die Wand” ist ein Film, der mit großartigen Naturaufnahmen und betont realistischen Eindrücken aufwartet. Und er liefert die subjektiven Bilder und Gedanken einer Frau, die während ihres Eremiten-Daseins ihre ganz persönlichen Ansichten von der Welt, der Menschheit und von Ethik entwickelt und uns diese durch ihre Augen sehen lässt. Regisseur Julian Roman Pölsler ist mit der Adaption und Umsetzung des gleichnamigen Romans von Marlen Haushofer ein großartiges, wenn auch nicht ganz leicht verdauliches Werk gelungen, das lange nachwirkt, zum Nachdenken und zur Diskussion anregt.
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