Cloud Atlas (Tom Tykwer, Andy Wachowski, Lana Wachowski)

Sechs Zeiten, sechs Genres, sechs Geschichten – und alles ist verbunden. “Cloud Atlas” von Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern bricht mit den Sehgewohnheiten des Kinopublikums und schafft es, mehrere Episoden zu erzählen, durch die sich über 500 Jahre hinweg ein roter Faden zieht. Das Besondere dabei: Die einzelnen Handlungsstränge werden nicht hintereinander, sondern parallel erzählt, jede einzelne ist in sich geschlossen, aber erst zusammengesetzt ergeben sie ein Gesamtbild und eine Aussage, die sich andeutungsweise auch in jeder einzelnen Story wiederfindet.

 

Jahrhunderte umspannendes Epos

“Cloud Atlas” bietet quasi sechs Filme in einem: Jede eigene Episode vertritt ein anderes Genre. Vom eher ruhigen Seefahrerfilm über einen spannungsgeladenen Krimi und eine Komödie mit kauziger Hauptfigur bis hin zum Hochglanz-Science-Fiction-Film mit etlichen Special Effects und Action-Szenen wurden in jeder Story die Elemente der prägenden Genres eingesetzt. Dennoch verschmelzen die einzelnen Teile harmonisch zu einem konsistenten Film.

Südsee-Abenteuer über Freundschaft und Vertrauen

Die Reise durch die Menschheitsgeschichte, auf die “Cloud Atlas” den Zuschauer mitnimmt, beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts auf einer Insel im Südpazifik. Dort trifft der junge Anwalt Adam Ewing (Jim Sturgess) auf den Schiffsarzt Dr. Henry Goose (Tom Hanks), der am Strand ganz unkonventionell Zähne sammelt. Die beiden scheinen die einzig Gebildeten auf dem Schiff, das sie nach Hause bringen soll, und eine Freundschaft scheint geradezu unausweichlich.

Cloud Atlas

Der entflohene Autua (David Gyasi) und sein Freund, Anwalt Adam Ewing (Jim Sturgess)

Adam Ewing ist im Auftrag seines Schwiegervaters unterwegs, um Geschäfte zu beaufsichtigen, deren wirtschaftliche Grundlage die Ausbeutung von Menschen ist. Bisher nur in der Theorie mit den Auswirkungen von europäischer Expansion und Sklavenhandel in Berührung gekommen, ist er nun schockiert, als er sieht, wie Autua (David Gyasi), ein Sklave seines Vertragspartners Horrox (Hugh Grant), brutal ausgepeitscht wird. Als Autua flieht und sich als blinder Passagier in Ewings Kabine einschleicht, bringt das diesen in ein moralisches Dilemma, über das er in seinem Tagebuch schreibt.

 

Liebesgeschichte über die Macht der Musik

Robert Frobisher (Ben Wishaw) komponiert das Wolkenatlas-Sextett

Robert Frobisher (Ben Wishaw) komponiert das Wolkenatlas-Sextett (Szenenbild aus Cloud Atlas, © X-Verleih AG)

Dieses Tagebuch findet ein knappes Jahrhundert später der junge, überaus begabte, aber unbekannte und mittellose Komponist Robert Frobisher (Ben Whishaw), nachdem er vor seinen Schulden in England zu dem in die Jahre gekommenen Musiker Vyvyan Ayrs nach Schottland geflohen ist. Frobishers Plan ist es, Ayrs als Assistent dabei zu helfen, noch einmal eine große Sinfonie zu schreiben, und parallel an seinem eigenen großen Stück zu arbeiten – dem “Cloud Atlas”-Sextett. Damit will er den Durchbruch schaffen, um nach Cambridge zurückzukehren – zu seiner großen Liebe Rufus Sixsmith (James D’Arcy), den Frobisher auf der Flucht vor seinen Gläubigern verlassen musste.

Die Melodie des “Cloud Atlas”-Sextetts, die Frobisher im Gefühl geschrieben hat, dass man sich in unterschiedlichen Leben und unterschiedlichen Zeiten wieder begegnet, verschlägt jedem, der sie hört, den Atem. So auch Ayrs, der findet, dass alles, was sein Assistent geschrieben hat, ihm zusteht, und die Sinfonie unter seinem eigenen Namen veröffentlichen möchte.

 

Kriminalfilm über Gier und Wirtschaftskriminalität

Cloud Atlas

Auftragsmörder Smoke (Hugo Weaving) hat Luisa Rey im Visier (Szenenbild aus Cloud Atlas, © X-Verleih AG)

Vierzig Jahre später blättert Rufus Sixsmith immer noch in den Briefen seiner Jugendliebe Frobisher, wenn er nicht gerade als Physiker an Berichten über ein Atomkraftwerk mitarbeitet. Der Bericht, der ihm Kopfschmerzen bereitet, enthält einige Details, die nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollen, doch Sixsmith ist nicht sicher, dass er das mit seinem Gewissen vereinbaren kann.

Nachdem er im Fahrstuhl mit der Journalistin Luisa Rey (Halle Berry) steckengeblieben ist, fasst er schnell Vertrauen zu der jungen Frau. Als er dann noch an ihr ein Muttermal in Form eines Kometen entdeckt, wie auch Frobisher es hatte, will er sie schon einweihen – doch der Fahrstuhl fährt plötzlich weiter und die beiden trennen sich zunächst, wobei Luisa Sixsmith ihre Telefonnummer gibt, für den Fall, dass er Hilfe braucht. Mitten in der Nacht macht der Physiker von diesem Angebot Gebrauch und bittet Luisa, ihn in seinem Hotelzimmer zu besuchen, damit er ihr etwas Wichtiges geben kann. Doch Luisa kommt zu spät: Auftragsmörder Bill Smoke (Hugo Weaving) hat Sixsmith “einen Besuch abgestattet” und die Unterlagen mitgenommen.

Luisa ahnt, dass der Mord an Sixsmith mit dessen Auftraggeber zusammenhängt, und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln, in dem sie vorgibt, einen Bericht über das Atomkraftwerk schreiben zu wollen (siehe Filmzitat). Damit gerät sie jedoch selbst in Gefahr, und Bill Smokes nächster Auftrag lautet, Luisa Rey zu töten.

 

Komödie über einen Verleger mit Pechsträhne

Cloud Atlas

Hinter Gittern: Ernie und Cavendish (Jim Broadbent) im Seniorenheim (Szenenbild aus Cloud Atlas, © X-Verleih AG)

Die Geschichte, mit der die “Cloud Atlas”-Reise durch die Zeit in der Gegenwart ankommt, handelt vom erfolglosen Verleger Timothy Cavendish (Jim Broadbent), der mit seiner Berufswahl hadert und das verlegt, was niemand verlegen und auch niemand lesen möchte. Das Manuskript, das er gerade liest, ist ein Kriminalroman über eine gewisse Luisa Rey, aber ob das den erhofften Erfolg bringen wird, ist ungewiss.

Das Blatt wendet sich für Cavendish, als Dermot Hoggins (Tom Hanks), charakterlich – nun ja – instabiler Autor der schon abschreckend genug benannten Autobiografie “Knuckle Sandwich”, sein Schicksal im wahrsten Sinne des Wortes selbst in die Hand nimmt und den Kritiker, der sein Buch verrissen hat, von einem Hochhaus wirft. Hoggins wird zum Held des kleinen Mannes, wandert ins Gefängnis und macht seinen Verleger reich.

Doch das Glück währt nicht lange, denn auch Hoggins’ Brüder verfügen über schlagkräftige Argumente, wenn es darum geht, den eigentlich schon längst bezahlten Vertrag ihres Bruders anzufechten. Cavendish verspricht ihnen Geld, das er nicht hat, und wendet sich an seinen eigenen Bruder, um Hilfe zu bekommen. Doch die Familienbande der Cavendishs sind längst nicht so eng wie die der Hoggins’, und so verspricht Cavendishs Bruder zwar Hilfe, weist diesen jedoch in Wahrheit in ein Seniorenheim ein. Dort herrscht die schreckliche Schwester Noakes (Hugo Weaving), die auch kein Problem damit hat, die Bewohner mal zu ohrfeigen. Einfach wieder nach Hause fahren geht nicht – Cavendish hat in der Annahme, in einem Hotel einzuchecken, auf sämtliche Rechte verzichtet und ist nun eingesperrt. Macht- und hilflos träumt er von Flucht.

 

Science Fiction-Drama in dystopischer Welt

Cloud Atlas

Klon Sonmi 451 (Doona Bae) entwickelt menschliche Gefühle für Chang (Jim Sturgess)  (Szenenbild aus Cloud Atlas, © X-Verleih AG)

Im Jahr 2144 scheint in Neo Seoul der Traum des modernen Menschen erfüllt: Seine Hauptaufgabe besteht darin, ein guter Konsument zu sein, und sämtliche lästigen Arbeiten werden von “Duplikate” genannten Klonen erledigt. Da diese nicht als Menschen betrachtet werden, muss man auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn man sich Späße mit ihnen erlaubt, die eigenen Aggressionen an ihnen auslässt und sie – vor allem – unterirdisch an ihrem Arbeitsplatz gefangen hält.

Sonmi 451 (Doona Bae) ist ein Duplikat, und sie arbeitet als Kellnerin in Papa Song’s Schnellrestaurant. In an Särge erinnernde Boxen schlafen die Klone, werden morgens aufgeweckt, durch eine Dusche geschleust und arbeiten geschickt. Abends isst man “Seife” – ein Eiweißpräparat, das mit Drogen versetzt ist, die die Duplikaten in einem Dämmerzustand belassen, in dem sie nichts hinterfragen.

Aber offensichtlich funktioniert das nicht immer: Yoona, eine Kollegin, weckt Sonmi eines Nachts auf, um ihr etwas zu zeigen, das für Duplikate verboten ist: einen sehr kurzen Ausschnitt aus einem Film namens “Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish”, der schon reicht, um an Sonmis Weltbild zu rütteln. Denn in der Szene ist jemand zu sehen, der sich wehrt – etwas, das den Duplikaten völlig fremd ist. Bald darauf verliert Yoona tagsüber die Beherrschung und ohrfeigt einen unverschämten Kunden, worauf der “Arbeitgeber” kurzen Prozess mit ihr macht. Durch dieses Ereignis schockiert, wächst Sonmis Selbstwahrnehmung, bis sie schließlich merkt, dass sie nicht allein ist. Chang (Jim Sturgess) steht eines Nachts vor ihr, um sie zu befreien.

 

Post-Apokalypse als Konsequenz der Menschheitsgeschichte

Cloud Atlas

Zachry (Tom Hanks) und Meronym (Hally Berry) müssen einander vertrauen (Szenenbild aus Cloud Atlas, © X-Verleih AG)

Wenn die Menschheit sich in ihrer Gier nach mehr selbst zu Grunde gerichtet hat, folgt nach der Dystopie ganz konsequent die Post-Apokalypse – so auch in “Cloud Atlas”. Zachry (Tom Hanks) ist Ziegenhirte in einer Welt, die alle Technik längst verloren hat und in der man an Göttin Sonmi, den Teufel Old Georgie (Hugo Weaving) und Magie glaubt. Dass die Spätfolgen der Katastrophe noch gegenwärtig sind und die Welt verstrahlt, weiß Zachry nicht.

Eine Handvoll Völker ist in dieser Welt geblieben. Die Koona sind Barbaren, die in Zachrys Gemeinschaft Angst und Schrecken verbreiten. Hin und wieder legt aber auch ein Boot der friedlichen und offensichtlich weiter entwickelten Prescients an, die kommen, um Zachrys Stamm zu untersuchen und mit ihnen Handel zu treiben.

Prescient Meronym (Halle Berry) will aber noch mehr von Zachry. Sie vermutet, dass es auf einem Berg noch Kommunikationsmöglichkeiten gibt, die es ermöglichen sollen, einen anderen, nicht verstrahlten Platz zum Leben zu finden. Doch auf dem Weg zum Berg muss man durch Koona-Gebiet, und niemand will Meronym den Weg zeigen.

 

Keine Verfilmung im eigentlichen Sinne

“Cloud Atlas” ist eine Literaturverfilmung, und wer die Vorlage “Der Wolkenatlas” von David Mitchell gelesen hat, wird Zweifel haben, ob dieses Buch sich überhaupt in einen Film umsetzen lässt. Zum Glück haben Tykwer und die Wachowskis das gar nicht erst versucht. Stattdessen wurde mit “Cloud Atlas” ein Film geschaffen, der mit eigenen Mitteln das zu bewahren sucht, das den Roman zu etwas Besonderem macht. Während im Buch die einzelnen Geschichten ineinander eingebettet sind, werden sie im Film parallel erzählt und entwickeln einen gemeinsamen Spannungsbogen.

Die Verbundenheit der einzelnen Episoden untereinander wird auch dadurch gezeigt, dass in allen die selben Schauspieler in anderen Rollen mitspielen. Manchmal wirkt das unnötig, wenn beispielsweise Hugo Weaving die furchteinflößende Schwester Noakes verkörpert, aber störend ist es nie. Im Gegenteil: vor allem Tom Hanks, Halle Berry, Jim Sturgess und Hugo Weaving nutzen die Gelegenheit, um erstaunliche schauspielerische Vielfalt zu zeigen. Die ein, zwei klamaukigen Witze kann man da durchaus verschmerzen.

Die Themen – Liebe, Vertrauen, Verbundenheit, Konsequenzen des eigenen Handelns, Wiedergeburt und Macht – werden sowohl in der Vorlage als auch im Film aufgegriffen, wobei die Schwerpunkte jedoch sehr unterschiedlich gesetzt sind. Auch einige Änderungen an den Geschichten wurden in “Cloud Atlas” vorgenommen, zum Teil unwesentlich, indem Schauplätze geändert wurden, manchmal aus Zeitgründen verständlich, wenn Figuren fehlen. An mindestens zwei Punkten ist das aber auch bedauerlich, weil die Geschichte dadurch verliert. Wenn man das Buch nicht kennt, stört das jedoch nicht, die Geschichten im Film sind auch so in sich stimmig.

In jedem Fall ist “Cloud Atlas” ein wirklich empfehlenswerter Film, der sowohl durch die Erzählweise als auch durch die Story besticht und drei Stunden wie im Flug vergehen lässt. Und auch, wenn (oder gerade, weil) “Der Wolkenatlas” nicht einfach abgefilmt wurde, ist durch die Ideen in einem fantastischen Buch ein guter, ungewöhnlicher und sehenswerter Film entstanden.

Infos zum Film

Cloud Atlas
Deutschland/USA, 2012
164 Minuten
Filmverleih: X Verleih
Regie: Tom Tykwer,
Andy Wachowski,
Lana Wachowski
Drehbuch: Tom Tykwer,
Andy Wachowski,
Lana Wachowski
mit Tom Hanks,
Halle Berry,
Susan Sarandon,
Hugo Weaving,
Jim Sturgess, Doona Bae,
David Gyasi

 

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