It’s All About Love (Thomas Vinterberg)

DVD-Cover "It's all about love"

DVD-Cover „It’s all about love“

Eigentlich möchte er nur einen Schlussstrich ziehen, doch Johns (Joaquin Phoenix) Reise nach New York verläuft anders als geplant. Statt seine Frau Elena (Claire Danes), eine berühmte Eiskunstläuferin, am Flughafen zu treffen, wo sie die Scheidungspapiere unterzeichnen sollte, bringen zwei ihrer Leibwächter ihn zu ihr. Schon auf dem Weg zum Wagen erfährt John von einer seltsamen Krankheit, die neuerdings vor allem einsame Menschen befällt: Ohne ersichtlichen medizinischen Grund fallen sie um und sind tot. Irgendwas mit dem Herzen. Ein Grund, sich zu wundern, scheint das nicht zu sein, denn die Toten bleiben einfach dort, wo sie gestorben sind, liegen. Im Jahr 2021 sind ein paar Leichen auf der Straße offensichtlich nicht der Rede wert.

John:                      „Da unten an der Treppe liegt ein toter Mann.“
1. Leibwächter:    „Steigen Sie einfach drüber.“
John:                      „Drüber steigen?“
2. Leibwächter:    „Ja. Ist das jemand, den Sie kennen?“
John:                      „Nein.“
1. Leibwächter:    „Dann… steigen Sie einfach drüber.“

Auch John wundert sich nicht lange, sondern genießt das unverhoffte Wiedersehen mit Elenas Familie, die gemeinsam mit ihr und einem riesigen Stab an Mitarbeitern im Familiendomizil residiert – schließlich hat Elena noch am selben Abend eine wichtige Premiere. Besonders freut sich John, auf seinen Noch-Schwager Michael zu treffen, mit dem ihn eine Freundschaft verbindet, die es auch verkraftet, dass Elena und John drauf und dran sind, sich scheiden zu lassen. Auch alle anderen Familienmitglieder sind glücklich über Johns Anwesenheit und nehmen ihn auf, als wäre er nie weggewesen.


 

Trügerische Idylle

Dass etwas ganz und gar nicht stimmt, merkt John zum ersten Mal, als er nachts auf der Suche nach ein paar Eiswürfeln durchs Hotel irrt und eine unheimliche Begegnung hat. Aus einem der unzähligen Flure tritt Elena, schaut ihn kurz an und verschwindet wieder. Nur wenige Minuten später sieht John Elena wieder, entspannt im Kreis ihrer Familie, während sie sich die Zehennägel lackiert. Dass sie nicht kurz zuvor durch die Flure des Hotels gelaufen ist, ist klar, und John ist sich nicht sicher, ob er sich die kurze Begegnung nicht nur eingebildet hat.

Doch nicht nur in Elenas Familie geschehen Merkwürdigkeiten, sondern die ganze Welt scheint aus den Fugen zu geraten. Während der Aufzeichnung eines Fernseh-Interviews mit Elena schaut John in einem Nebenraum auf den zahlreichen Monitoren im Studio einen Beitrag und hört so zum ersten Mal von den „fliegenden Ugandern“, die genau das sind, wonach es sich anhört: In ganz Uganda fangen Menschen plötzlich und ohne eigenes Zutun an zu fliegen, und jeder in der Bevölkerung hat verständlicherweise Angst, als nächster betroffen zu sein. Gleichzeitig fällt die Temperatur jeden Tag um wenige Grad. Doch Uganda ist weit weg von New York, und da sich das Phänomen auf das afrikanische Land beschränkt, ist es zwar eine Meldung, aber ansonsten auch nicht weiter der Rede wert.

Am nächsten Tag im Hotel hat Elena eine ähnliche Begegnung wie John am Abend zuvor: Sie trifft auf eine Frau, die ihr selbst zum Verwechseln ähnlich sieht und die Elena anschreit, sie solle verschwinden. Elena nimmt die Warnung ernst, packt ihre Sache zusammen und will John noch informieren, bevor sie wegläuft, doch auf dem Weg nach unten wird sie schon von ihrer gesamten Familie abgefangen. Eine Pressekonferenz mit Elena steht an, und während die weißen Limousinen-Kolonnen durch New York gleiten, wird klar, dass Elenas Familie nicht die ganze Zeit bei ihr ist, um sie zu unterstützen, sondern weil Elena mit ihrem Sport die ganze Familie ernährt und ihr ein tolles Leben bereiten kann. Der einzige, dem sie noch vertrauen kann, ist John, der lieber jetzt als gleich mit den unterschriebenen Scheidungspapieren zum Flughafen fahren würde. Doch Elenas Sorgen und die Tatsache, dass ihr Vater offensichtlich plant, sie nach Russland zu schicken, machen auch John Angst, so dass er kurzerhand mit Elena verschwindet. Als die beiden sich in einem heruntergekommenen Hotel einmieten, stellen sie fest, dass sie sich noch immer lieben. Doch die metaphorische Kälte in Elenas Familie und die wirkliche in der Welt sind noch nicht am Ende angelangt.

„It’s all about love“ ist ein sehr schwierig einzuordnender Film, in dem verschiedenste Handlungsstränge ineinander laufen und sich parallel zueinander entwickeln. Vor einem Science Fiction-Setting, in dem die Welt auf ihren Untergang zusteuert, während die Menschheit immer noch davon überzeugt ist, dass schon alles gut werden wird, hat Regisseur Thomas Vinterberg eine Mischung aus Thriller und Liebesgeschichte gesetzt, in der es um Vertrauen, Abhängigkeit und Ersetzbarkeit geht. Ein wiederkehrendes Thema von Vinterberg – die besonderen Bindungen und Verletzungen innerhalb der Familie – spielt auch in „It’s all about love“ eine wichtige Rolle.

Besonders auffällig ist, wie wenig die Figuren in „It’s all about love“ sich wundern: Die Welt geht ganz offensichtlich vor die Hunde, Menschen fallen tot um, einmal im Jahr gefriert das gesamte Süßwasser des Planeten, es schneit im Juli und in Afrika gibt es Probleme mit der Gravitation – all das wird einfach akzeptiert, da jeder einfach nur damit beschäftigt ist, irgendwie zurecht zu kommen. Wie ein Schutzengel beobachtet Johns Bruder Marcello (Sean Penn) die ganzen Ereignisse aus der Luft, denn seit er eine Überdosis eines Medikaments gegen seine Flugangst genommen hat, kann er sich nur noch in Flugzeugen weit über der Erde aufhalten, und auch das ist nicht wirklich erstaunlich.

 

It’s all about love: Bildgewaltiger Nicht-Dogma-Film

Thomas Vinterberg, Mitbegründer der Dogma-95-Bewegung, schuf mit „It’s all about love“ einen Film, der gegen nahezu jede der von ihm selbst aufgestellten Dogma-Regeln verstößt. Anders als in seinem Film „Das Fest“ spielt hier die ästhetische Gesamtwirkung des Films eine deutlich größere Rolle. Allein die oppulente und bisweilen unheimliche Musik von Zbigniew Preisner, der immer wieder mit Krzysztof Kieślowski („Drei Farben“, „Der Zufall möglicherweise“) zusammenarbeitete, trägt deutlich zur besonderen Atmosphäre des Films bei.

Nachdem „It’s all about love“ auf dem Sundance-Festival 2003 gezeigt wurde, polarisierte der Film Kritiker und Publikum gleichermaßen. Viele unbeantwortete Fragen und eine zu simple Symbolik (die Menschen sterben an gebrochenem Herzen und an der zunehmenden Kälte in der Welt) wurden dem Film vor allem vorgeworfen. Mich hat der Film vom ersten Sehen an fasziniert und nicht losgelassen. Die Verknüpfung von Science Fiction und Thriller zu einem Film, in dem tatsächlich – wie der Titel „It’s all about love“ schon sagt – am Ende alles um Liebe geht, ist absolut gelungen und auf vielfältige Weise ansprechend. Viele Fragen bleiben auch deshalb unbeantwortet, weil sich niemand für ihre Beantwortung interessiert. In der Welt von „It’s all about love“ steigt man einfach über Menschen, die man nicht kennt, und so lange man selbst es nicht ist, der wegfliegt, interessiert einen die Lösung des Problems auch nicht. Insofern ist Vinterbergs Jahr 2021 gar nicht so weit weg von unserem Jahr 2013, und seine Lösung „It’s all about love“ vielleicht gar kein schlechter Rat.

Infos zum Film

It’s all about love
Dänemark, 2003
100 Minuten
Filmverleih: Universum
Regie: Thomas Vinterberg
Drehbuch: Thomas Vinterberg
mit Joaquin Phoenix,
Clare Danes, Sean Penn
FSK: frei ab 12

 

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