Mr. Nobody (Jaco van Dormael)

Vielschichtiger Film über die Auswirkung von Entscheidungen:

DVD-Cover Mr. Nobody

DVD-Cover Mr. Nobody

Im Jahr 2092 hat sich die Menschheit ihren größten Wunsch erfüllt und eine Möglichkeit gefunden, Unsterblichkeit zu erlangen. Doch wie üblich bei großen Neuerungen, die das gesamte Weltbild ändern, gibt es auch hier noch jemanden aus alten Zeiten, für den das neue Paradigma noch nicht gilt: Nemo Nobody (Jared Leto in hervorragender Maske), 117 Jahre alter Greis ohne jeglichen persönlichen Anschluss an seine Zeit, ist der letzte sterbliche Mensch auf Erden. In der sterilen und künstlich anmutenden Gesellschaft, in der man ihn im Krankenhaus versorgt, steht nun die – durch das Fernsehpublikum zu treffende – Entscheidung an, ob man den alten Mann nicht langsam von seinen Leiden erlösen soll. Die Zeit bis zur Abstimmung überbrückt Mr. Nobody, indem er einem Journalisten ein Interview über sein Leben und seine Zeit gibt.

Es ist ein absolut außergewöhnliches Leben, in das Mr. Nobody Einblick gibt, und er beginnt seine Erzählung sogar weit vor seiner Geburt, in dem Moment, in dem seine Eltern sich treffen – genau betrachtet ja auch einer der wichtigsten Augenblicke überhaupt für Nemos Leben, das zu diesem Zeitpunkt noch nicht entstanden ist. Doch auch wenn es zunächst so wirkt, hat die Liebe der Eltern zueinander nicht für immer Bestand: Als Nemo neun Jahre alt ist, trennen sich seine Eltern, seine Mutter zieht von England nach Kanada und der Junge wird vor die – unmögliche – Wahl gestellt, bei seinem Vater zu bleiben oder mit der Mutter zu gehen. Am Bahnhof soll er sie treffen: Die Mutter sitzt im Zug und ruft ihn zu sich, der Vater steht am Bahngleis und schaut beiden hinterher, und während Nemo dem Zug nachläuft, ist er unschlüssig, was die richtige Entscheidung ist.

Und zu Recht: Denn diese Entscheidung hat – wie einige, die ihr noch folgen werden – unglaubliche Auswirkungen auf Nemos Leben, das auch erzählerisch ab diesem Punkt in zwei Strängen verläuft, von denen einer sich später noch aufteilt. Die Wahl zwischen Vater und Mutter und später die Wahl zwischen drei Frauen, mit denen er sein Leben verbringen kann – Jeanne, Elise (Sarah Polley) oder Anna (Diane Kruger) -, führen in völlig verschiedene Leben hinein, die der alte Mr. Nobody dem Journalisten erzählt – asynchron und ineinander übergehend wie der Film auch. Das Leben mit Jeanne ist durch das Streben nach finanziellem Wohlstand geprägt, Elise bestimmt durch ihre Depression den Alltag Nemos und Anna scheint seine einzig wahre Liebe zu sein, mit der er jedoch nicht zusammen bleiben kann.


 

Mr. Nobody ist der letzte sterbliche Mensch auf Erden

Zugegebenermaßen ist Mr. Nobody nicht gerade leicht zugänglich. Die nicht-lineare Erzählweise, die vielen unterschiedlichen Leben, die sich zwar drei Hauptsträngen zuordnen lassen, sich aber viel weiter verästeln, machen es teilweise schwierig, der Erzählung zu folgen, und erfordern, dass man den Film mindestens ein zweites mal schaut. Aber schließlich ist Komplexität auch gerade ein Thema des Films – die Komplexität des Lebens, die unzähligen Möglichkeiten und verschiedenen ungelebten Leben, die sich aus den Entscheidungen, die man tagtäglich trifft, ergeben. Ein wenig ähnelt Mr. Nobody in seinem Konzept Filmen wie Der Zufall möglicherweise, Sie liebt ihn – Sie liebt ihn nicht oder Lola rennt, ist dabei aber deutlich verschachtelter und umfangreicher in den dargestellten Verzweigungen, die das Leben nimmt. Besonders einzigartig ist dabei die Tatsache, dass die Geschichte sowohl aus der Sicht des jungen Nemo als auch aus der Perspektive des alten Mr. Nobody geschildert wird und die unzähligen verworrenen Fäden am Ende doch wieder zusammen laufen. Zwischen Anfang und Ende jedoch befindet sich ein ganzes Universum an möglichen Leben für Nemo und man weiß genau so wenig, welches das richtige ist, wie man weiß ob Schrödingers Katze noch lebt – denn anders, als in den anderen Filmen dieser Art, gibt es keinen klaren Favoriten, kein „richtiges“ Leben.

Knapp zehn Jahre dauerte es, bis Regisseur und Drehbuch-Autor Jaco van Dormael seine Vision von Mr. Nobody endlich auf die Leinwand brachte. Das merkt man dem Film auf jeden Fall an, denn in unglaublich viele Details, die man vielleicht auf den ersten Blick gar nicht entdeckt, wurde viel Arbeit gesteckt. Beispielsweise haben die einzelnen Handlungsstränge eine unterschiedliche Farbgebung. Das Leben mit Jeanne findet in gelben Schattierungen statt, Elises Depressionen spiegeln sich im Blau der Umgebung wider und die Liebe zwischen Anna und Nemo wird durch rote Farbgebung unterstrichen. Auch die Musik trägt einen durch Länder, Zeiten und Emotionen und ist perfekt abgestimmt auf die vielen Leben des Mr. Nobody.

Mit einem Produktionsbudget von 33 Millionen Euro ist Mr. Nobody bis heute der teuerste belgische Film, der je produziert wurde. Dafür wurde der Film jedoch mit gleich sechs Magritte Awards ausgezeichnet, unter anderem als bester Film sowie für die beste Regie und das beste Drehbuch. Der belgische Filmpreis wird seit 2011 verliehen, so dass Mr. Nobody der erste Preisträger überhaupt war.

Wie in jedem Film, in dem Jared Leto mitspielt, ist auch Mr. Nobody ganz klar durch seine schauspielerische Leistung getragen. Ob als junger ehrgeiziger Neu-Reicher, als um seine depressive Ehefrau besorgter Familienvater, als unglücklich, aber unsterblich Verliebter oder sogar als 117jähriger Mann, der alles im Leben gesehen hat – in jeder seiner vielen Rollen und Facetten überzeugt Leto gleichermaßen. Gerade bei einem Film, der das Leben des Protagonisten in so viele verschiedene Richtungen weiterentwickelt, ist dies ein echter Gewinn.

Auch wenn man Mr. Nobody mehrfach sehen sollte, um all die Feinheiten und Details zu bemerken und wertzuschätzen, die der Film zu bieten hat, sorgen die philosophischen Ansätze des Films schon beim ersten Sehen dazu, dass man ihn nicht mehr vergisst. Vielleicht sind es Alltagsweisheiten, mit denen man nach dem Film zurückbleibt, vielleicht aber auch Weisheiten, die im Alltag allzu leicht untergehen: Das Leben ist eine Folge der eigenen Entscheidungen, es gibt keine richtigen oder falschen Entscheidungen und – am schönsten, einfachsten, aber auch am schwierigsten zu beherzigen – das Leben ist eine Spielwiese, auf der man sich austoben darf, ja muss. Und egal, wo einen die Entscheidungen, die man trifft, hinführen, wichtig ist, dass man einen Weg geht. Und manchmal vielleicht keinen der offensichtlichen.

Infos zum Film

Mr. Nobody
Frankreich / Belgien / Kanada / Deutschland, 2010
141 Minuten
Filmverleih: Concorde Filmverleih
Regie: Jaco van Dormael
Drehbuch: Jaco van Dormael
mit Jared Leto, Sarah Polley,
Diane Kruger
FSK: frei ab 12

 

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