Perfect Sense (David Mackenzie)

Perfect Sense DVD-Hülle

Was passiert, wenn die Menschheit nach und nach ihre fünf Sinne verliert? Schaffen wir es, uns anzupassen? Können wir die verlorenen Fähigkeiten ausgleichen? Was bedeutet ein Leben ohne menschliche Sinne für Wirtschaft, Zivilisation, jeden Einzelnen und das Leben zu zweit? Geht die Welt einfach unter in Verzweiflung, Krieg und Dunkelheit? In Perfect Sense erlebt der Zuschauer hautnah, was der Verlust der Sinne in einem solch apokalyptischen Szenario bedeutet. Der Film feierte seine Premiere auf dem Sundance Film Festival 2011.

 

Handlung von Perfect Sense

Epidemiologin Susan (Eva Green) erfährt als eine der ersten von einer neuen, unerklärlichen Krankheit: Durch die Glasscheibe eines Quarantäne-Untersuchungsraums befragt sie einen Lkw-Fahrer, der angibt, plötzlich seinen Geruchssinn verloren zu haben. Der Mann ist aufgebracht, verzweifelt, will zu seiner Familie, verlangt Erklärungen von den Medizinern – aber für Susan und ihren Kollegen ist er zunächst nur ein interessantes Untersuchungsobjekt, dessen Schicksal sie persönlich nicht betrifft. Die Aufmerksamkeit der Mediziner wird höher, als plötzlich weltweit von ähnlichen Fällen berichtet wird. Es heißt, dass bei den Betroffenen dem Verlust des Geruchssinnes eine große Traurigkeit vorausgeht – eine Trauer über alles, was man im Leben versäumt oder anderen Menschen angetan hat.
Michael (Ewan McGregor), Chefkoch in einem Gourmet-Restaurant, ist zunächst ebenfalls rein beruflich von der sich ausbreitenden Epidemie betroffen. Dadurch, dass immer mehr Menschen ihren Geruchssinn verlieren, kämpft das Restaurant mit sinkenden Besucherzahlen, da Essen nun mehr als Mittel zum Zweck dient, jetzt, da es nicht mehr mit allen Sinnen genossen werden kann. Da die Speisekammer des Restaurants voll ist und Michael keine Gäste zu bekochen hat, fragt er spontan Susan, die er zufällig in der Nachbarschaft kennengelernt hat, ob er für sie kochen darf. Während Susan mit Michael in der Restaurant-Küche isst, überkommt sie eine bodenlose Traurigkeit. Michael versucht, sie zu trösten und bringt sie nachhause. Noch in derselben Nacht verfällt er in Susans Armen ebenfalls in eine Depression – am nächsten Morgen haben beide ihren Geruchssinn verloren.

Plötzlich verfallen immer mehr Menschen in unerklärliche Angstzustände und geben sich anschließend einer maßlosen Völlerei hin, bis sie schließlich ihren Geschmackssinn verlieren. Michael und Susan, die ebenfalls betroffen sind, bringt die Situation zunächst einander näher. Doch dann greift die nächste Epidemiewelle um sich: Überall auf der Welt werden Menschen von Jähzorn und Hass übermannt – und verlieren sofort danach den nächsten Sinn. Auch Michael überkommt ein Wutausbruch, der ihn und Susan auseinander bringt. Massenpanik und Chaos breiten sich aus, infizierte Menschen werden aufgefordert, zuhause zu bleiben, wo sie von „gesunden“ Menschen in Schutzanzügen mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Der Verlust der verbleibenden Sinne steht unaufhaltsam bevor. Menschen, die die Apokalypse nicht allein erleben wollen, müssen sich nun beeilen, um noch rechtzeitig zueinander zu finden – bevor die Existenz ohne jegliche Sinne sie vollkommen isoliert.

 

Auswirkungen der Sinnesverluste in Perfect Sense

Beim ersten, zweiten und dritten Sinnesverlust reagieren die Menschen noch einigermaßen gelassen: fällt ein Sinn weg, werden die verbleibenden einfach umso intensiver genutzt, man findet Strategien, sich der Situation anzupassen. Als es jedoch an jene Sinne geht, die sich nicht einfach so ersetzen lassen, wird deutlich, wie sehr man auf die Hilfe anderer angewiesen ist. Das schlägt sich auch in der Beziehung von Susan und Michael nieder, die ursprünglich eher Einzelgänger waren und zuviel Nähe schlecht ertrugen. Die Verluste, die nun beide erleben, schweißen sie immer enger zusammen, was Regisseur David Mackenzie besonders kunstvoll in einer Szene zeigt, in der Michael und Susan im Bett liegen und sich unterhalten. Die Kamera fängt von beiden jeweils nur eine Gesichtshälfte ein und fügt sie zu einem perfekten Ganzen zusammen.

 

Umsetzung von Sinnesverlusten im Film

Schon bei Büchern wie „Das Parfum“ von Patrick Süskind hieß es lange, eine Geschichte, die auf einer Sinneswahrnehmung wie dem Geruchssinn beruhe, sei unverfilmbar – und dabei ging es gerade mal um einen einzigen Sinn. Regisseur David Mackenzie schafft es in Perfect Sense sogar, vier Sinne in seinem Film absolut glaubhaft zu thematisieren – und zwar nicht in Form einer Überbegabung, sondern als etwas, das verloren geht. Allein die Darstellung des verlorenen Geruchssinns ist überwältigend: Anhand von aneinander gereihten Momentaufnahmen, die mit Gerüchen verknüpfte Erinnerungen verschiedener Menschen darstellen, wird gezeigt, wie mit dem Geruchssinn ein ganzes „Meer an Erinnerungen“ untergeht.

 

Wirkung des Films Perfect Sense auf den Zuschauer

Jeder sieht einen Film auf seine Art und Weise, jeder Zuschauer bringt unterschiedliche Voraussetzungen, Erfahrungen und Ängste mit. Für mich persönlich ist Perfect Sense ein Film, der mir beim Gucken an einem sonnigen Sonntagnachmittag auf unerklärliche Weise so an die Substanz ging, dass er mich völlig aus der Bahn geworfen hat. Das hat sicher mit der von Mackenzie geschickt inszenierten Steigerung der Dramatik zu tun, die ihren Höhepunkt für mich in den letzten paar Sekunden des Films erlebt und perfekt durch stimmungsgeladene Bilder und die passende Musik unterstützt wird. Aber vor allem hat es etwas mit dem Thema des Films zu tun: dem Verlust von etwas, das das Leben lebenswert macht.

Infos zum Film

Perfect Sense
UK, 2011
92 Minuten
Filmverleih: Senator Films
Regie: David Mackenzie
Drehbuch: Kim Fupz
Aakeson

mit Ewan McGregor,
Eva Green, Ewen Bremner,
Connie Nielsen

FSK: frei ab 12 Jahren

 

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Ein Kommentar

  • Vielen Dank für diese ausführliche Filmbesprechung, Stefanie. Besonders gut gefallen hat mich, dass Du im letzten Abschnitt beschrieben hast, wie sehr Dich der Film bewegt und mitgenommen hat.

    Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich nach dem Schauen des Films tagelang ganz anders durch die Gegend gelaufen bin. Ich wollte alles mit allen Sinnen erfahren, als drohte mir ebenfalls der Verlust meiner Sinne. Insgesamt hat mich der Film aber trotz all der Apokalypse positiv zurückgelassen!

    Die beiden Hauptdarsteller fand ich großartig. Man konnte die Chemie zwischen den beiden richtig spüren und zwar nicht nur in den Bettszenen.

    Viele Grüße aus Franken,

    Christof

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