Primer (Shane Carruth)

Der perfekte Ort, eine Zeitmaschine zu verstecken
(Hankwang [CC-BY-SA-3.0])

Es gibt viele Entdeckungen, die gemacht wurden, ohne dass nach ihnen gesucht worden wäre. Das Penicillin wurde in einer verschimmelten Bakterienkultur entdeckt, Wilhelm Conrad Röntgen fand die nach ihm benannten Strahlen, als er mit einer Kathodenstrahlröhre experimentierte, in deren Nähe fluoreszierende Stoffe lagerten – und von Amerika fange ich gar nicht erst an. Wenn man etwas länger darüber nachdenkt, leuchtet das sogar ein. Weil man gar nicht weiß, was es alles zu entdecken gibt, bleibt einem nicht viel anderes übrig als Dinge auszuprobieren, Stoffe miteinander zu kombinieren, zu experimentieren und darauf zu hoffen, dass dies irgendwann zu einem brauchbaren Ergebnis führt.

 

Entdeckergeist in der Garage

In Shane Carruths Film „Primer“ wollen die vier Freunde Aaron (gespielt von Shane Carruth selbst), Abe (David Sullivan), Robert und Phillip ebenfalls eine Entdeckung machen. Tagsüber gehen sie ihrem „normalen“ Job nach, abends tüfteln sie gemeinsam in Aarons Garage an verschiedenen Projekten herum und hoffen, irgendwann etwas zu erfinden, dass ihnen den Durchbruch verschafft. Da man sich nicht ganz einig ist, welches Projekt man als nächstes angehen soll, beschließen Abe und Aaron zu zweit an einer Sache weiter zu forschen, die ihnen vielversprechend scheint: Sie versuchen ein Gerät zu entwickeln, dass das Gewicht von Gegenständen reduziert. Sie haben einen ersten Erfolg, ihr Prototyp scheint zu funktionieren, und die beiden Freunde schwelgen schon in Phantasien, was sie mit ihrer Entdeckung alles erreichen können. Doch bevor sie ihre Erfindung verkaufen, wollen sie sie erst mal richtig verstehen.

Also untersucht Abe das Verhalten der Maschine genauer. Dabei stellt er fest, dass sich an den Gegenständen, die er in die Maschine legt, immer wieder eine Substanz bildet, die er irgendwann untersuchen lässt: Es handelt sich um ein Enzym, und der Biologe, der ihm das erklärt, informiert ihn auch darüber, dass zur Entstehung der Menge, die Abe alle paar Tage abwischt, mehrere Jahre nötig sind. Also haben sie entweder etwas erfunden, das den Entstehungsprozess des Enzyms beschleunigt, oder… Die zweite mögliche Erklärung – dass die Zeit in der Maschine anders vergeht als außerhalb – überprüft Abe, indem er seine Uhr hineinlegt und das Gerät auf eine Minute einstellt. Und tatsächlich: Laut Uhr sind mehr als 1.300 Minuten vergangen.

Abe liefert auch gleich eine Theorie dazu. Da für ihn und Aaron und alle anderen, die sich außerhalb der Maschine befinden, nur eine Minute vergangen ist, scheint der Gegenstand in der Maschine in eine Art Zeitschleife geraten zu sein, in der er immer vom Start- zum Endzeitpunkt und wieder zurück „pendelt“, bis er irgendwann aus dieser Schleife austritt. Von all den Möglichkeiten, die eine solche Maschine bieten könnte, ist für Aaron und Abe die eines mannsgroßen Nachbaus am attraktivsten. Eine Maschine, die groß genug ist, einen Menschen zu beherbergen, könnte man zum Endzeitpunkt betreten und zum Startzeitpunkt verlassen – und damit hätte man eine Zeitmaschine zur Verfügung, mit der man zu einem vorher bestimmten Zeitpunkt in die Vergangenheit reisen kann.

 

Komplexer Film über Erfindergeist, Wissenschaft und Freundschaft

„Primer“ ist ein ungewöhnlicher Science Fiction-Film, dessen „Science“-Anteil recht hoch ist. Es wird viel (und schnell) gesprochen, und Shane Carruth hat bewusst darauf verzichtet, die wissenschaftlichen Dialoge für den Zuschauer zu vereinfachen. So ist es auf jeden Fall ratsam, sich die englischen Untertitel einzuschalten, wenn man kein Muttersprachler ist, da man sonst leicht etwas von den Dialogen verpasst, die aber sehr wichtig sind, um der Handlung wirklich folgen zu können. Die Zusammenhänge sind komplex, und man muss das ein oder andere Mal etwas länger nachdenken, um zu verstehen, was da gerade passiert – schließlich übersteigen die Gedanken, die sich aus Zeitreisen ergeben, teilweise die menschliche Vorstellungskraft. Doch gerade das verleiht dem Film eine besondere Authentizität.

Da „Primer“ ein sehr spannender und intelligenter Film ist, macht es auch überhaupt nichts aus, ihn zwei Mal zu sehen. Im Gegenteil: Manche der nur angedeuteten Handlungselemente versteht man erst, wenn man weiß, wie es ausgeht, wenn man also selbst eine kleine Zeitreise zum Beginn des Films macht.

Neben dem wissenschaftlichen Hintergrund und der durch die Zeitreise-Paradoxa komplexen Handlung liegt ein besonderer Fokus auf der Freundschaft zwischen den beiden Hauptfiguren. Die Entdeckung, die sie machen, verleiht ihnen einen Vorsprung und Macht allen anderen Menschen gegenüber – und stellt sie somit vor ein moralisches Dilemma.

 

Independent Film mit Minimal-Budget

„Primer“ ist so independet wie ein Film nur sein kann. Shane Carruth produzierte ihn mit einem Budget von nur 7.000 US-Dollar, und er schrieb nicht nur das Drehbuch und führte Regie, sondern übernahm auch die Hauptrolle und komponierte die Filmmusik. Die übrigen Rollen sind mit Freunden und Familienmitgliedern besetzt, und auch die Drehorte stammen zum großen Teil aus dem privaten Umfeld Carruths. Das merkt man „Primer“ in keinster Weise an, und zu Recht erhielt er unter anderem den Grand Jury Preis beim Sundance Festival 2004.

Insgesamt ist Primer ein Film, der die Komplexität seines Zeitreise-Themas nicht auf Hollywood-Tauglichkeit vereinfacht und gerade deswegen viele neue Denkanstöße hierzu liefert. Darüber hinaus bietet er vor diesem Science Fiction-Hintergrund eine Handlung und Story, die sich mit ganz „realen“ Problemen und Herausforderungen beschäftigt.

Infos zum Film

Primer
USA, 2004
77 Minuten
Filmverleih: ThinkFilm
Regie: Shane Carruth
Drehbuch: Shane Carruth
mit Shane Carruth, David Sullivan

 

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