Snowpiercer (Joon-ho Bong)

Bildgewaltige und bedrückende Dystopie: 4.5 Stars

DVD-Cover Snowpiercer

DVD-Cover Snowpiercer

Wenn der Mensch versucht, die Natur nach seinen Vorstellungen umzubiegen, geht das meistens schief. Die gut gemeinte, aber schlecht ausgeführte Idee, durch eine in der Ozonschicht platzierte Chemikalie die Erderwärmung anzuhalten, beschert der Menschheit im wahrsten Sinne des Wortes eisige Zeiten. Einzige Rettung auf der zugefrorenen Erde bietet ein Super-Zug, der autark und ohne Pause sämtliche Kontinente der Welt befährt, Jahr für Jahr, Runde um Runde. 17 Jahre schon bewegt sich diese Arche auf Schienen durch das ewig scheinende Eis, und die Menschen an Bord haben sich unterschiedlich gut in ihr Schicksal eingefunden. Denn die Zustände für die Passagiere sind sehr verschieden: Am vorderen Ende des Zugs lebt die herrschende Klasse, die es sich bei Steak, Wellness und Drogen-Partys gut gehen lässt, während die hinteren Abteile von im Elend überlebenden Arbeitern bewohnt sind, die jederzeit von „vorne“ abberufen werden können – beispielsweise, um zur Belustigung der Bewohner Geige zu spielen. Die Regeln gibt Wilford (Ed Harris) vor, der visionäre Erfinder des Snowpiercer, der vor allem von den glücklicheren Passagieren ebenso verehrt wird wie seine technische Schöpfung. Vor Ort im hinteren Teil des Zugs lässt sich Wilford jedoch nicht persönlich blicken, sondern schickt seine Ministerin Mason (Tilda Swinton) und ihren Stab an gut bewaffneten Ordnungshütern vor. Diese überwachen die Essensausgabe, damit niemand sich mehr der an schwarzen, gepressten Wackelpudding erinnernden Protein-Blocks nimmt als ihm zusteht.


 

Im Snowpiercer durch die eisige Zukunft

Curtis (Chris Evans) hat bereits sein halbes Leben im Snowpiercer verbracht und ist kaum länger bereit, die Erniedrigungen und Schikanen der Soldaten zu ertragen, die jegliches Aufbegehren mit absoluter Härte und drakonischen Strafen niederzwingen. Wie sein Freund Edgar (Jamie Bell) erhofft auch er eine Gelegenheit zur Revolte, auch wenn Anführer Gilliam (John Hurt) noch auf den richtigen Moment wartet. Doch unerwartet kommt den Bewohnern der hinteren Abteile ein Unbekannter zu Hilfe: Immer wieder findet Curtis in den Protein-Blocks kleine Kapseln mit Nachrichten, die ihm in kurzen Worten Hinweise auf mögliche Schwächen der Bewacher geben. Als die Situation sich zuspitzt – wieder einmal werden zwei besonders kleine Kinder ihren Eltern entrissen und mit in die vorderen Abteile genommen, der Vater eines der Kinder wird mit Arm-Amputation bestraft, als er sich gegen die Soldaten wehrt -, wagt Curtis schließlich mit einigen Unterstützern den Angriff. Abteil für Abteil kämpfen die Revolutionäre sich nach vorne und treffen dort nicht nur immer wieder auf Hindernisse, sondern verstehen langsam, wie dieser Zug, mit dem sie seit 17 Jahren unterwegs sind, funktioniert.

Man sieht Snowpiercer, der auf dem französischen Comic Schneekreuzer basiert, seine Herkunft durchaus an: Bildgewaltig, symbolbeladen, mit einer manchmal slapstick-artig anmutenden Tilda Swinton und oft fantastisch erzählt Regisseur Joon-ho Bong eine post-apokalyptische Geschichte, die auf Grund ihrer streng geteilten Gesellschaftsordnung an Dystopie-Klassiker wie 1984 (ebenfalls mit John Hurt verfilmt) oder die Filme von Terry Gilliam erinnert – und sicher nicht zufällig trägt eine der wichtigsten Figuren im Film dessen Namen. Statt oben und unten gibt es vorne und hinten, und dies gibt nicht nur die Struktur des Snowpiercer-Mikrokosmos wieder, sondern legt auch die Entwicklung der Handlung fest. Die klaustrophobische Stimmung, die Unmöglichkeit einer Flucht zur Seite und die Allgegenwart der Machthaber sorgen für eine bedrückende Spannung während des ganzen Films. Über die paar Logik-Schwächen schaut man sehr schnell hinweg, weil man von der spannenden Entwicklung der Story und der beengten Atmosphäre im Zug gefangen ist, in dem es kein Entkommen gibt.

Hinten gegen vorne: Die Revolution beginnt - Szenenbild aus Snowpiercer

Hinten gegen vorne: Die Revolution beginnt – Szenenbild aus Snowpiercer

Auch wenn es in Snowpiercer oft nicht zimperlich zu geht, die Revolutionäre und Soldaten sich mit allem bekämpfen, was gerade im Zug verfügbar ist, ist der Film kein reiner Action-Streifen. Die behandelten Fragestellungen sind vielfältig und elementar: Ist das Überleben vieler wichtiger als das Überleben einzelner? Ist es überhaupt möglich, eine gerechte – im Sinne von gleich behandelnde – Gesellschaft zu errichten oder bricht eine Gesellschaft ohne Gegensätze zusammen? Ist der Mensch Herrscher über die Natur oder muss er sich seiner eigenen natürlichen Herkunft unterwerfen? Und was braucht man – oder was muss man wegnehmen -, um Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft haben zu dürfen? Die Antworten bleibt der Film teilweise schuldig, wohl auch, weil keine einfachen Antworten auf viele der Fragen existieren. Der Pragmatismus, den beispielsweise Snowpiercer-Erbauer Wilford an den Tag liegt, wirkt auf den ersten Blick vielleicht kaltherzig, auf den zweiten aber durchaus vernünftig – was ja manchmal nicht so weit voneinander entfernt liegt.

Snowpiercer ist mittlerweile auf DVD erschienen und stellt eine Bereicherung für die Sammlung eines jeden Dystopie-, Post-Apokalypse und Comic-Fans dar.

Infos zum Film

Snowpiercer
Südkorea / Frankreich / USA, 2014
121 Minuten
Filmverleih: Ascot Elite
Regie: Joon-ho Bong
Drehbuch: Joon-ho Bong
mit Chris Evans, Song Kang-ho, Tilda Swinton,
Jamie Bell, Octavia Spencer, John Hurt, Ed Harris
FSK: frei ab 16

 

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