Southland Tales (Richard Kelly)

Bildgewaltige Apokalypse, die man mindestens zwei Mal sehen muss:

Filmplakat Southland Tales

Filmplakat Southland Tales

Es ist eine alternative Gegenwart, in der dieser Science Fiction-Film von Donnie Darko-Regisseur Richard Kelly spielt: Im Jahr 2005 wird die USA von den schlimmsten Terror-Anschlägen der Geschichte heimgesucht – in Texas explodieren zwei Atombomben und fordern Hunderttausende von Opfern. Diese Anschläge sorgen in der Folge für eine komplette Neu-Ordnung des Landes. Die Sicherheitsbehörde US-Ident, geleitet von Nana Mae Frost, der Frau des Senators von Kalifornien, Bobby Frost, wird zur wichtigsten Einrichtung des Landes, überwacht sämtliche Bürger rund um die Uhr und kann frei entscheiden, wer überwacht, bestraft oder vielleicht auch getötet werden soll. Auch außenpolitisch blieben die Anschläge nicht ohne Folgen. US-amerikansiche Soldaten sind im Irak stationiert, seit die Bomben gezündet wurden.

Parallel zu Nana Maes Machtzentrum und dem faktischen Dritten Weltkrieg hat sich in den „Southlands“ in Los Angeles eine radikale neomarxistische Gruppierung gebildet, die den Kapitalismus abschaffen und US-Ident zerstören wollen. Und ein weiteres Problem treibt das Land um: Der Krieg stellt die USA vor ein kaum zu lösendes Energie-Problem, denn die Öl-Exporteure sind nicht mehr wirklich kooperativ. Eine Lösung scheint der deutsche Wissenschaftler und Unternehmer Baron von Westphalen zu haben. Er hat eine Möglichkeit gefunden, unterirdisch eine Flüssigkeit zu fördern – das Fluid Karma -, die für unbegrenzte Energie-Quellen sorgt, sobald sie mit der Luft in Berührung kommt. Eine Nebenwirkung des Fluid Karma, die man bei Experimenten mit im Irak stationierten Soldaten herausgefunden hat: Wird sie jemandem injiziert, so entwickelt dieser telepathische Fähigkeiten. Fluid Karma hat also nicht nur das Zeug, sämtliche Energie-Krisen auf Dauer zu lösen, sondern die grundsätzlichen Möglichkeiten der Menschheit zu erweitern.

In diese Szenerie gerät der Schauspieler Boxer Santaros (Dwayne Johnson), der sein Gedächtnis verloren hat und nun statt bei seiner Frau, die zufälligerweise die Tochter von Senator Frost ist, bei der Porno-Darstellerin Krysta Now (Sarah Michelle Gellar) lebt. Diese hat ein Drehbuch über das Ende der Welt geschrieben, das sie nun mit Boxer verfilmen wird. Um sich auf seine Rolle als Polizist Jericho Cane vorzubereiten, geht Boxer mit Ronald Taverner (Seann William Scott) auf Streife. Zwar ist Ronald selbst kein Polizist, aber sein Zwillingsbruder Roland, der nun von den Neo-Marxisten festgehalten wird, war einer, und eine gestellte Doppelmord-Szene soll dem Ganzen etwas Realität verleihen. Doch die Situation entgleitet und der Doppelmord findet tatsächlich statt.


 

Laut, schrill, überzeichnet und trotzdem realistisch

Um den Plot von Southland Tales halbwegs vollständig wiederzugeben, bräuchte man ein kleines Buch, so zahlreich sind Figuren, Handlungsstränge und Wendungen. Allein Justin Timberlakes Rolle als Erzähler und bester Freund von Roland Taverner ist schwer unterzubringen, und dennoch hat er eine der ungewöhnlichsten Szenen des Films, in der er plötzlich anfängt, All the Things that I’ve done von The Killers zu singen und dem Film damit eine der wichtigsten Aussagen mitgibt.

Tatsächlich sind viele Aspekte in Southland Tales nicht auf Anhieb zu verstehen – ebenso wie Donnie Darko und The Box muss man auch diesen Richard Kelly-Film mindestens zwei Mal sehen, um sich überhaupt auf die ganzen Details und Zusammenhänge konzentrieren und den verzweigten und verknoteten Handlungssträngen folgen zu können. Die Figuren sind allesamt überzeichnet, der Film ist laut und schrill und gleichzeitig voller aberwitziger Ideen. Krysta Now, die mit ihren Porno-Freundinnen eine Talk-Show über Politik und vorehelichen Sex moderiert, scheint den Zeitgeist dieser neuen Ära zwischen totaler Überwachung und anti-kapitalistischem Untergrund genau zu treffen. Boxer Santaros, der vor Muskeln kaum gehen kann, ist gleichzeitig der ängstlichste Mensch, den man sich vorstellen kann – aber immerhin hat er ja auch sein Gedächtnis verloren.

So fantastisch, laut, überzogen Southland Tales auch daherkommt – die Prämissen sind allesamt logisch und realistisch. Wer eine Energie-Quelle wie Fluid Karma besitzt, dem gehört die Welt, der kann von Interessenten an seiner Entdeckung den kleinen Finger verlangen und die ganze Hand nehmen – im wörtlichen Sinne. Und die Probleme, die Kelly in Southland Tales anspricht, sind auch unsere Probleme: Überwachung, politische Unsicherheit, selbst gemachte Energie-Probleme. Dass der Untergang der Welt das einzige ist, worauf dies alles zusteuern kann, ist keine erstaunliche Neuigkeit.

Der Film stellt nur einen Teil der Southland Tales-Geschichte dar: Drei Graphic Novels fassen die Ereignisse zusammen, die bis zum Beginn des Films stattfanden.

Wie auch in den anderen Richard Kelly-Filmen treffen hier eine wahnwitzige, verworrene Story – dieses Mal sogar mit einer politischen Botschaft -, logisch zumindest auf den zweiten Blick nachvollziehbare Reaktionsmuster, fantastische Musik (dieses Mal von Moby) und witzige Dialoge aufeinander. Das Ganze ist zudem gespickt mit (pop-)kulturellen Zitaten, von denen man bei jedem Sehen neue entdeckt.

Dass der Film polarisiert, etliche Kritiker ganz offensichtlich auf dem falschen Fuß erwischte, ist auch ein Stück weit nachvollziehbar, denn Southland Tales entzieht sich den gängigen Film-Gewohnheiten und bricht mit vorhandenen Erzählstrukturen. Meiner Meinung nach macht das den Film noch sehenswerter und hat ihn selbstverständlich auf die Liste meiner Lieblingsfilme gebracht.

Infos zum Film

Southland Tales
USA, 2008
145 Minuten
Filmverleih: Universal
Regie: Richard Kelly
Drehbuch: Richard Kelly
mit Dwayne Johnson, Seann William Scott,
Sarah Michelle Gellar, Mandy Moore,
Justin Timberlake, Miranda Richardson,
Wallace Shawn, Bai Ling
FSK: frei ab 16

 

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