The Box – Du bist das Experiment (Richard Kelly)

DVD-Cover  "The Box"

DVD-Cover „The Box“

Was man tut, hat Folgen. Diese Binsenweisheit, die Inhalt jeglichen Erziehungsversuchs ist und somit jedem spätestens ab dem 6. oder 7. Lebensjahr geläufig sein sollte, gerät oft in Vergessenheit, wenn die Konsequenz für den Handelnden nur abstrakt genug bleibt. So lange man selbst nicht sieht, dass das eigene Verhalten andere Menschen beeinträchtigt oder die Umwelt zerstört, bleibt der Zusammenhang zwischen Handlung und Folgen diffus und ist damit kein Grund, irgendetwas anders zu machen, obwohl man könnte, wenn man wollte. Das nennt man freien Willen.

In „The Box – Du bist das Experiment“ wird ein Ehepaar vor eine Wahl gestellt, deren Folgen zwar deutlich bekannt, aber ganz schön weit weg sind. Es beginnt mit einem Päckchen, das Norma Lewis (Cameron Diaz) morgens auf der Türschwelle findet. Eine kleine Holzkiste ist darin, in der unter einer verschlossenen Glaskuppel ein roter Knopf liegt. Eine Karte kündigt für den Nachmittag den Besuch von Arlington Steward (Frank Langella) an – mehr Informationen gibt es aktuell nicht. Das Ganze ist zwar mysteriös, aber nicht beunruhigend, und Normas Ehemann Arthur (James Marsden), der als NASA-Mitarbeiter ganz klar ein Mann der Wissenschaft ist, hält die Geschichte ohnehin für einen Scherz. Außerdem hat Familie Lewis gerade andere Sorgen, als sich um ein unerwartetes Päckchen zu kümmern. Arthur muss seiner Arbeit nachgehen, Sohn Walter zur Schule und Norma, die dort unterrichtet, ebenfalls.

Immer nur schlechte Nachrichten: Arthur ist nicht fürs Astronautenprogramm zugelassen - Szenenbild aus "The Box - Du bist das Experiment"

Immer nur schlechte Nachrichten: Arthur ist nicht fürs Astronautenprogramm zugelassen – Szenenbild aus „The Box – Du bist das Experiment“

Der Tag, der so seltsam angefangen hat, verläuft für Familie Lewis nicht gut. Er verläuft sogar so schlecht, dass das Paar die Kiste fast vergisst. Während Norma ihren Schülern Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ und die Kernaussage „Die Hölle, das sind die anderen.“ näher bringt, entschließt sich einer der Schüler, zu demonstrieren, dass er selbst die Hölle sein kann, indem er seine Lehrerin auffordert, vor der Klasse ihren verunstalteten Fuß, an dem vier Zehen fehlen, zu zeigen – was Norma widerstrebend tut, um vor dem Schüler keine Schwäche zu zeigen. Kurz darauf verkündet ihr der Direktor der Schule, dass vom nächsten Monat an die Zuschüsse für Kinder des Personals wegfallen. Damit könnten Norma und Arthur sich Walters Schule nicht mehr leisten. Zeitgleich erfährt Arthur, dass er nicht wie gedacht ins Astronauten-Programm der NASA aufgenommen wird, ein von ihm lange gehegter Traum also endgültig nicht in Erfüllung gehen wird.


 

Ein wirklich unmoralisches Angebot

Als Arlington Steward pünktlich um fünf vorbeikommt, ist nur Norma zu Hause, und nach dem ersten Schock darüber, dass Steward das halbe Gesicht fehlt, bittet sie den ansonsten seriös wirkenden Mann herein. Sein Angebot könnte fast eine gute Nachricht sein: Er gibt Norma den Schlüssel zur Kiste und bietet Familie Lewis eine Million Dollar an, wenn sie den Knopf auf der Kiste drücken. Natürlich ist an der Sache ein Haken; wenn der Knopf gedrückt wird, so Arlington, stirbt irgendwo auf der Welt ein Mensch, aber ganz sicher jemand, den Norma und Arthur nicht kennen. 24 Stunden gilt das Angebot; am nächsten Tag um die gleiche Zeit will Arthur wiederkommen und die Kiste so oder so abhholen.

Arthur reagiert auf die Schilderung seiner Frau wie jeder vernünftige Mensch reagieren würde: Er hält das Ganze für ausgemachten Blödsinn, glaubt die Geschichte nicht, schraubt die Kiste auseinander und stellt fest, dass sie leer ist. Doch die beständige Sorge von Norma, dass vielleicht doch etwas dran sein könnte, und die Tatsache, dass Steward mal eben einen 100 Dollar-Schein da gelassen hat, bringen auch ihn ins Zweifeln. Norma jedoch beschäftigt sich intensiver mit der Frage, ob sie den Knopf drücken soll oder nicht. Zwar hält auch sie es nicht für besonders wahrscheinlich, dass ein Mensch stirbt, wenn sie den Knopf drückt, und dass sie dafür tatsächlich eine Million Dollar bekommen soll, aber zumindest denkt sie, dass es möglich ist. Da Arthur ihr deutlich signalisiert, dass die Kiste für ihn Normas Problem ist, muss sie sich entscheiden, ob sie lieber das Risiko eingehen möchte, einen unbekannten Menschen zu töten, oder sich selbst um die minimale Chance bringen will, eine Million Dollar zu bekommen. Die Frage ist, drückt sie den Knopf oder drückt sie ihn nicht?

Drücken oder nicht drücken? Szenenbild aus "The Box"

Drücken oder nicht drücken? Szenenbild aus „The Box – Du bist das Experiment“, der – wie man sieht – in den 70ern spielt

Klar drückt sie ihn. Es geht um eine Million Dollar, es war ein wirklich schlimmer Tag und außerdem kennt sie den Menschen nicht mal, um den es geht. Wahrscheinlich ist an der Sache gar nichts dran, denn schließlich ist es ja nur ein Knopf auf einer leeren Kiste, den sie drückt. Steward kommt pünktlich, überreicht das Geld, obwohl Norma sofort bereut, was sie getan hat. Doch der Knopf wurde gedrückt und der Deal ist perfekt. Und laut Stewards Aussage ist schon jemand gestorben. Beim Herausgehen teilt er dem verwirrten Ehepaar noch mit, dass die Kiste nun neu programmiert und an jemanden weitergegeben wird, den die Lewis‘ ganz sicher nicht kennen.

Diese Aussage bringt die beiden natürlich in ziemliche Unruhe, denn im Grunde kann das ja nur bedeuten, dass sie die nächsten sind, die sterben werden. Also versuchen beide unabhängig voneinander, etwas über Steward herauszufinden, obwohl dieser ihnen das als Nebenbedingung zum Handel untersagt hat. Was sie herausfinden, macht die Ereignisse noch mysteriöser, denn Steward hat, wie Arthur, bei der NASA gearbeitet, wurde aber vom Blitz getroffen, was die fehlende Gesichtshälfte, aber noch nicht den Handel mit 1-Million-Dollar-Kisten erklärt. Ausgerechnet Walters neue Baby-Sitterin scheint etwas zu wissen und gibt Arthur eine Warnung mit auf den Weg. Und die NSA scheint auch irgendwie in die Sache verwickelt, doch die Hintermänner der Hintermänner bleiben im Dunkel.

 

Tiefgründiger Science Fiction-Film über freien Willen und Verantwortung

Norma versucht, wieder gutzumachen, was sie getan hat - Szenenbild aus "The Box - Du bist das Experiment"

Norma versucht, wieder gutzumachen, was sie getan hat – Szenenbild aus „The Box – Du bist das Experiment“

Nach seinem umjubelten Debüt „Donnie Darko“ und dem zu Unrecht verrissenen Weltuntergangsspektakel „Southland Tales“ legte Richard Kelly 2009 mit „The Box – Du bist das Experiment“ seinen dritten Langspielfilm vor. Basierend auf der Kurzgeschichte „Button, Button“ von Richard Matheson, die zuvor bereits als „Twilight Zone“-Folge verfilmt wurde, handelt „The Box“ vor allem von Verantwortung und freiem Willen, der nicht nur als Sartre-Zitat, sondern immer wieder in den Optionen von Norma und Arthur eine Rolle spielt. Gerade Arthur, der anfangs ziemlich ungerührt seine Frau den Entschluss fassen lässt, den Knopf zu drücken, muss im Fortgang der Geschichte wieder und wieder Entscheidungen treffen – und die Folgen tragen. Die Story entwickelt sich dabei weit von der ursprünglichen Frage – würde man selbst den Knopf drücken oder nicht – weg hin zu einer Mischung aus Mystery und Science Fiction, bei der am Ende nicht alle Fragen beantwortet werden.

„The Box – Du bist das Experiment“ ist wie Kellys erste Filme in Deutschland nicht im Kino gelaufen, sondern direkt auf DVD erschienen. Eine absolute Empfehlung für Freunde von tiefgründiger, nicht immer geradlinig verlaufender Science Fiction.

Infos zum Film

The Box – Du bist das Experiment
(The Box)

USA, 2009
110 Minuten
Filmverleih: Constantin Film
Regie: Richard Kelly
Drehbuch: Richard Kelly
mit Cameron Diaz, James Marsden,
Frank Langella, Gillian Jacobs,
James Rebhorn
FSK: frei ab 16

 

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