The Lobster – Eine unkonventionelle Liebesgeschichte (Yorgos Lanthimos)

Bizarrer Film über Liebe und den „richtigen“ Partner:

DVD The Lobster - Hummer sind auch nur Menschen

DVD The Lobster – Hummer sind auch nur Menschen

45 Tage müssen reichen, um sich zu verlieben. So viel Zeit gewährt man in der dystopischen Welt, in der The Lobster – Eine unkonventionelle Liebesgeschichte angesiedelt ist, all denjenigen, die keinen Partner haben – noch nicht oder nicht mehr. David (Colin Farrell) wird von seiner Frau verlassen und begibt sich wie vorgeschrieben innerhalb weniger Stunden in das „Hotel“, das eher wie eine Mischung aus Sanatorium und Gefängnis wirkt. Hier soll er unter den anderen Einsamen eine passende Partnerin finden, mit der er eine charakterisierende Eigenschaft teilt. Gelingt dies nicht, wird er nach Ablauf der 45 Tage in ein Tier seiner Wahl verwandelt, denn Alleinbleiben ist illegal. David hat sich für seine Verwandlung – der Titel The Lobster lässt es vermuten – einen Hummer ausgesucht.

Den Aufenthalt in der Klinik verlängern kann man bei der regelmäßig stattfindenden Jagd auf „Loner“: Diese illegale Gruppierung lebt in den Wäldern und zieht das Alleinsein vor. Ganz im Gegensatz zur „normalen“ Welt ist hier Partnerschaft verboten und selbst das Flirten wird durch die Anführerin (Léa Seydoux) strengstens unter Strafe gestellt. Für jeden mit dem Betäubungsgewehr gefangenen Loner erhält man einen zusätzlichen Tag im Hotel, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, in dieser absolut unromantischen Unterkunft doch noch die Liebe zu finden. Hat man dann tatsächlich einen möglichen Partner gefunden, wird man für zwei Wochen unter Beobachtung gemeinsam in ein Doppelzimmer gelassen und anschließend verbringt das Paar zwei weitere Wochen alleine auf einer Yacht. Wenn das alles funktioniert, dürfen sie gemeinsam in die Stadt ziehen und (wieder) ein normales Leben führen.

In der Hotel-Anlage findet sich alles, nur keine Liebe - Szenenbild aus The Lobster

In der Hotel-Anlage findet sich alles, nur keine Liebe – Szenenbild aus The Lobster

Anschluss findet David zunächst bei zwei Konkurrenten und Mitbewohnern – der eine humpelnd (Ben Whishaw), der andere lispelnd (John C. Reilly). Da keiner der drei eine Frau mit ähnlichen Eigenschaften findet, erwägen sie, die Eigenschaften der vorhandenen Frauen zu simulieren, um doch noch eine Partnerschaft einzugehen und der Transformation zu entgehen. Als auch das für ihn nicht funktioniert, entschließt sich David, fortzulaufen und bei den Lonern zu leben – wo er unverhofft und natürlich genau am falschen Ort zur falschen Zeit doch noch seine wahre Liebe (Rachel Weisz).


 

The Lobster: Ohne Liebe ist man kein Mensch mehr

Doch noch die Liebe gefunden - Szenenbild aus The Lobster

Doch noch die Liebe gefunden – Szenenbild aus The Lobster

The Lobster ist eine Geschichte über die Liebe – die sich in einer Welt, in der Partnerschaft vorgeschrieben ist und daran scheitern kann, dass nicht beide Partner kurzsichtig sind, Himbeeren mögen oder regelmäßig Nasenbluten haben, eigentlich nicht finden lässt. Dass David sich gerade dort, wo er es nicht dürfte, verliebt, wundert nicht, denn Gefühle lassen sich nicht vorschreiben. Überhaupt hat man bei jedem einzelnen Paar, das man während des Films sieht, das Gefühl, dass sie nur zusammen sind, um ihrem tierischen Schicksal zu entgehen. Erst der andere an der Seite gibt einem das Recht, Mensch zu sein – dass dabei die Menschlichkeit verloren geht, spielt offensichtlich keine Rolle.

Die beiden Gruppierungen – die Zivilisation und die Loner – wirken fast wie sich bekämpfende Religionen: einfache und strenge Regeln ohne jeglichen erkennbaren Sinn, aber mit einer Schar an gläubigen bis leichtgläubigen Anhängern und festgelegter Einheitskleidung für jeden Anlass. Wie Kinder agieren alle Menschen: Jedes Gefühl wird ausgesprochen, Sex ist eine Übung mit ganz klarem Ablauf und die Paare stehen bezogen auf ihr Welt- und Selbstverständnis auf der selben Stufe wie die zur Stärkung des Konfliktverhaltens „zugegebenen“ Kinder.

Die Anführerin der Loner (Léa Seydoux) - Szenenbild aus The Lobster

Die Anführerin der Loner (Léa Seydoux) – Szenenbild aus The Lobster

Nicht nur die Story von The Lobster (deren Hergang noch etliche Überraschungen bereit hält) ist bizarr, Stimmung, Kameraführung und Erzählweise sind ebenso innovativ wie seltsam. Wie schon in Dogtooth setzt Regisseur Yorgos Lanthimos gezielt ungewöhnliche und unbewegliche Kameraperspektiven ein. Während eines Gesprächs ruht die Kamera oft nur auf einer der Figuren, egal, wer gerade spricht. Dies führt auch dazu, dass Personen teilweise nicht ganz zu sehen sind, der Kopf abgeschnitten ist oder nur ein Arm im Bild ist. Kamerafahrten gibt es kaum. Die Wirkung ist teilweise verstörend, immer zumindest irritierend – man wird als Zuschauer nicht durch die Geschichte geführt, sondern muss sich mit dem Ausschnitt zufriedengeben, der gerade gezeigt wird. Das Weglassen ist ohnehin ein oft genutztes Stilmittel von Lanthimos: Wie ein impressionistisches Gemälde ergibt sich aus vielen kleinen, punktuell erzählten Szenen ein Gesamtbild, das durchaus erschreckend ist und dass die mit teilnahmsloser Selbstverständlichkeit Ungeheuerlichkeiten erzählende Stimme aus dem Off gleichzeitig märchenhaft und noch bestürzender macht. Von dem absolut albernen deutschen Bei-Titel „Hummer sind auch nur Menschen“ sollte man sich in keinem Fall täuschen lassen: The Lobster ist keine Komödie. Mittlerweile hat auch der Filmverleih das eingesehen und den deutschen Untertitel in „Eine unkonventionelle Liebesgeschichte“ geändert.

Nach der Oscar-Nominierung für Dogtooth 2011 konnte Lanthimos für seinen aktuellen Film eine ganze Reihe bekannter Schauspieler gewinnen, was The Lobster im Speziellen und dem griechischen Film im Allgemeinen einige Aufmerksamkeit bescheren dürfte. Regisseur Lanthimos ist Mitbegründer der Greek New Wave (auch: Greek Weird Wave), zu der auch The Lobster zu zählen ist. Er und andere griechische Regisseure wie Athina Rachel Tsangari und Panos Koutras begannen etwa zeitgleich mit Beginn der Wirtschaftskrise 2008 eine Reihe bizarrer Filme zu drehen, die sich oft um familiäre Beziehungen drehen, diese aber vor allem physisch und nicht psychologisch darstellen. Viele der Filme sind mit Minimal-Budget gedreht. Die absolute Distanzlosigkeit zu den Figuren des Films gepaart mit einer Welt, in der starre, sinnlose Regeln gelten, entwickelt beim Schauen sowohl einen Sog als auch ein permanentes Unbehagen. Das macht auch The Lobster definitiv nicht zur leichten Kost, aber zu einem wirklich außergewöhnlichen und sehenswerten Film-Erlebnis

The Lobster erscheint in Deutschland am 14. April – und das auch nur auf DVD. Der Film ist für einen BAFTA nominiert.

Infos zum Film

The Lobster – Eine unkonventionelle Liebesgeschichte
(The Lobster)

Griechenland/Großbritannien/Niederlande/Irland/Frankreich , 2014
118 Minuten
Filmverleih: Sony Pictures
Regie: Yorgos Lanthimos
Drehbuch: Yorgos Lanthimos, Efthimis Filippou
mit Colin Farrell, Rachel Weisz, Jessica Barden, John C. Reilly, Léa Seydoux, Ben Whishaw
FSK: frei ab 12

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