Under the Skin (Jonathan Glazer)

Eigenwilliger, faszinierender Science Fiction-Film über die Frage, was einen Menschen ausmacht:

Packshot Under the Skin

Packshot Under the Skin

Es ist ein Rätsel, woher sie kommt, und das, obwohl man als Zuschauer ihrer Entstehung zuschauen kann: Die außerirdische Lebensform im Körper einer jungen Frau (Scarlett Johansson) hat sich das Äußere eines Menschen und den Namen Laura zueigen gemacht, um unauffälliger agieren zu können. Und nicht aufzufallen scheint ihr oberstes Gebot. Mit einem Lieferwagen fährt sie durch die Straßen Glasgows, spricht offensichtliche Einzelgänger an, horcht sie aus und lädt die einsamen jungen Männer ein, ein Stück mit ihr zu fahren, wenn sich herausstellt, dass sie in ihr Beuteschema passen. Denn auch wenn ihre Opfer davon überzeugt sind, dass heute ihr Glückstag ist, hat das Wesen, das sich so gut an die äußeren Umstände angepasst hat, ganz und gar nichts romantisches im Sinn. Sie lockt die Männer, die ihr gerne folgen, in ein verlassenes Haus, wo sie sie, sobald sie sich ihrer Kleidung entledigt haben, in einer zähen, transparenten Flüssigkeit einfängt. In dem Moment, in dem ihre Opfer sich nicht mehr befreien können, ist ihre Aufgabe erfüllt, und ohne Pause und sichtbare Gefühle macht sie sich daran, den nächsten Mann in die Falle zu locken.

Doch nicht bei jedem ist sie erfolgreich: An einem etwas abgelegenen Strand hat Laura schon fast das Vertrauen eines jungen Tschechen gewonnen, als dieser sie stehen lässt, um einen Mann vorm Ertrinken zu retten. Verschont wird der Aussteiger dennoch nicht; als er entkräftet an den Strand gespült wird, setzt sie ihn mit einem Schlag auf den Kopf vollends außer Gefecht und zerrt ihn dann – vorbei an einem am Strand zurückgelassenen schreienden Baby – zu ihrem Lieferwagen.

Dieses Erlebnis setzt jedoch etwas in Gang, das sich nicht mehr aufhalten lässt. Laura hat zum ersten Mal eine menschliche Eigenschaft erlebt, die sie selbst nicht nachvollziehen kann: ein Gefühl, in diesem Fall Fürsorge. Bei ihrer nächsten Fahrt im Lieferwagen sieht sie sich selbst einem Gefühl gegenüber, und aus Mitgefühl lässt sie ihr Opfer, einen missgebildeten Mann, frei. Doch Laura ist nicht Herrin ihrer Entscheidungen. Sie hat einen Auftrag zu erfüllen, und diejenigen, die ihn ihr erteilt haben, setzen alles daran, ihr aus dem Plan gelaufenes Werkzeug aufzuspüren.


 

Under the Skin: Im Körper eines Menschen

Schon in der ersten Szene in Under the Skin erinnert an Stanley Kubricks Meisterwerk 2001: Odyssee im Weltraum: Minutenlang sieht man eine weiße Fläche, die sich – begleitet durch irritierende Musik und offensichtliche Sprachübungen – nach und nach in ein Auge verwandelt. Auch im weiteren Verlauf des dialogarmen, nicht immer leicht zugänglichen Films gibt es etliche Reminiszenzen an Kubricks Werk. Das Auge erinnert an Clockwork Orange, eine rote Sturzflut an Shining und etliche stilisierte Bilder eben an den Science Fiction-Klassiker 2001. Auch David Lynch-Fans können Under the Skin teilweise als Hommage an ihren Lieblingsregisseur lesen.

Doch der Film, der lose auf dem Roman Die Weltenwanderin (im Original: Under the Skin) basiert, ist weit mehr als eine Ansammlung von Zitaten der Filmgeschichte. Zunächst überzeugt er visuell durch weite Landschaftsaufnahmen, die einen starken Kontrast zu den sterilen und kargen Innenaufnahmen bilden: Welche Technik Laura und ihren „Hinter-Männern“ auch immer zur Verfügung steht – alles, was man davon sieht, sind klare Linien, tiefes Schwarz oder überhelles Weiß. Dass die Außerirdische, die auf die Wahrnehmung solcher Umgebungen geschult ist, keinerlei Emotionen besitzt, wundert keineswegs.

Darüber hinaus erzählt Under the Skin wortkarg und in Andeutungen, aber absolut nachvollziehbar (und nachempfindbar), die Geschichte einer Wandlung von der kalten und berechnenden Außerirdischen hin zu einem verwirrten menschenähnlichen Wesen. Gut beobachtet werden einzelne menschliche Eigenschaften – Pflichtgefühl, Fürsorge, Mitleid, Angst – herausgestellt und sowohl Laura als auch dem Zuschauer Stück für Stück abverlangt.

Der ungewöhnliche und oft irritierende Film polarisierte Publikum und Kritik gleichermaßen. Bei seiner Premiere in Venedig wurde er bejubelt und ausgebuht und von der Presse wurde er wahlweise zum besten Film des Jahres gekürt (The Guardian) oder als „klinisch kalter Experimentalfilm“ (Cinema) abgetan. Auf Grund der ungewohnten Darstellung und der manchmal schwierigen Zugänglichkeit, entschloss sich der deutsche Filmverleih, auf einen Kinostart zu verzichten, und brachte Under the Skin im Oktober 2014 direkt auf DVD heraus.

Bei den diesjährigen BAFTA Awards ist Under the Skin als Bester Britischer Film nominiert. Darüber hinaus kann auch Komponist Mica Levi für seine Gänsehaut erzeugende und die Fremdheit des Films – und Lauras – unterstreichende Musik auf einen BAFTA Award hoffen.

Infos zum Film

Under the Skin – Tödliche Verführung
(Under the Skin)

Großbritannien/USA/Schweiz, 2013
108 Minuten
Filmverleih: Senator Filmverleih
Regie: Jonathan Glazer
Drehbuch: Jonathan Glazer
mit Scarlett Johansson, Jeremy McWilliams,
Lynsey Taylor Mackay
FSK: frei ab 16

 

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