Upstream Color (Shane Carruth)

Ein Film wie kein anderer:

512px-Orchid_blueEinem Film, der so außergewöhnlich ist wie „Upstream Color“, kann man nicht mit gewöhnlichen Mitteln zu Leibe rücken. Schon der Versuch, die Story nachzuerzählen, muss scheitern und wird dem Film darüber hinaus auch nicht gerecht. Denn „Upstream Color“, der zweite Film von „Primer„-Regisseur Shane Carruth, sieht man nicht einfach an, sondern man erlebt ihn, und das teilweise so intensiv, dass man körperliche Reaktionen zeigt, beispielsweise, wenn sich die Härchen am ganzen Körper aufstellen.

Einzelne Szenen, zunächst völlig unverbunden, ziehen einen in den Film hinein: Ein Mann trägt säckeweise Papiergirlanden in den Müll, jemand gräbt in der Erde weggeworfener Orchideen nach Würmern und zwei Jugendliche trinken eine seltsame Flüssigkeit, wonach sie sich in völligem Einklang wie choreographiert bewegen. Anschließend wird ein weiterer Junge in die Gruppe aufgenommen, mit einem Initiationsritual, bei dem auch er die Flüssigkeit trinken muss, die – wie man nun sieht – aus besagten Würmern gewonnen wird. Und der Mann, der vorher die Orchideenerde umgegraben hat, verpackt seine „Ernte“ in zwei Kapseln, die er später in der Nacht vor einer Club-Toilette herumlungernd an den Mann oder die Frau zu bringen sucht. Weniger vertrauenserweckend kann man kaum aussehen, und so greift der Mann, als niemand freiwillig zugreift, zum Elektroschocker und damit zu Plan B. Kris (Amy Seimetz) ist zur falschen Zeit am falschen Ort und bekommt die Droge, die der Mann dabei hat, zwangsverabreicht. Die Wirkung zeigt sich sofort: Kris wird nicht festgehalten, sie könnte weglaufen, doch Körper und Geist gehorchen nicht mehr ihr, sondern diesem Mann.


 

Verbindung zwischen Mensch, Mensch und Natur

Was der Mann, der im Abspann nur „Thief“ genannt wird, vorhat, ist am Ende ganz banal: Er will Geld. Der Weg dahin ist jedoch perfide und zerstört das Leben von Kris vollständig. Ein paar Tage, vielleicht eine Woche, beschäftigt der Dieb Kris in ihrer eigenen Wohnung mit dem Abschreiben von Thoreaus „Walden“ und dem Basteln von Papierketten, entzieht ihr Schlaf und Nahrung, bevor er sie dazu bringt, sämtliche Ersparnisse an ihn zu übergeben. Dabei wird keinerlei körperliche Gewalt angewendet – durch die Droge ist Kris vollständig steuerbar und tut nicht nur, was der Eindringling ihr sagt, sondern fühlt es und will es. Als er sie am Ende zurücklässt, kann sie sich an nichts erinnern, nur den anderen Parasiten, den Wurm, trägt sie noch im Körper. Den Weg zum „Sampler“, der ihr helfen kann, den Wurm loszuwerden und ihn in einer verstörenden Prozedur auf ein Schwein zu übertragen, findet Kris noch wie schlafwandelnd, doch später hat sie all das vergessen.

Nachdem sie ihren Job, für den sie auch schon mal einen Marathonlauf unterbrach, verloren hat, begriffen hat, dass sie vor dem Bankrott steht und in psychologischer Behandlung war, trifft Kris irgendwann im Zug auf Jeff, und vor allem er fühlt sofort eine Verbindung zu ihr. Was beide nicht wissen: Ihm ist dasselbe passiert wie ihr, und außer dem Dieb und dem Sampler, der auf seiner Schweinefarm zu einem guten Dutzend Opfer telepathischen Kontakt hält, scheinen auch die beiden einen besonderen Kanal der Kommunikation gefunden zu haben, der weit über das normale Zwischenmenschliche hinausgeht.

„Upstream Color“ ist ein stiller Film, der vor allem durch seine überwältigenden Bilder erzählt und bei dem man aus Sorge, beim ersten Sehen etwas verpasst zu haben, gleich noch mal von vorne anfängt. Das große Thema des Films ist Verbindung: Die Substanz, die aus den Würmern gewonnen wird, stellt eine viel engere Bindung her als Kommunikation und physische Nähe es je schaffen könnten. Kris und Jeff sind überzeugt, die selben Kindheitserinnerungen zu haben, und während Kris noch lange nicht ihr Trauma überwunden hat, findet Jeff einen Weg, mit ihr mit Hilfe des Texts „Walden“ zu kommunizieren: Während sie das Buch auswendig rezitiert, schreibt er mit, so wie sie den Text während ihrer Gefangenschaft vollständig schreiben musste. Die Themen aus Walden – Natur und Einsamkeit – spielen auch in „Upstream Color“ eine besondere Rolle, denn sie selbst sind Teil eines natürlichen Kreislaufs, der die Verbindung zwischen ihnen erst möglich macht.

Diese besondere Verbindung macht die herkömmliche Kommunikation fast schon überflüssig, und man könnte meinen, Shane Carruth habe in seinem Erstling „Primer“ die Dialoge für zwei Filme aufgebraucht, so wenig wird in „Upstream Color“ gesprochen, und dann auch oft außerhalb der eigentlichen Szene. Stattdessen spielen Geräusche eine große Rolle, als Teil des Films, aber auch als dessen Inhalt. Der Sampler nimmt auf der Suche nach dem perfekten Klang die verschiedensten Naturgeräusche auf, und als Zuschauer hat man Teil an der überwältigenden Kraft des Tons.

Überhaupt ist es so, dass jeder in „Upstream Color“ wissen zu scheint, was er tut: Die Jugendlichen zu Beginn des Films, der Entführer, der Sampler oder die Orchideen-Gärtner – jeder einzelne erfüllt nur seine Aufgabe. Im Kontrast dazu stehen die Opfer des Entführers, die sich isoliert von ihrer Umwelt und völlig ziellos von dem Erlebten distanzieren wollen.

Regisseur Shane Carruth, laut eigener Aussage ein echter Kontroll-Freak, hat auch in „Upstream Color“ etliche Aufgaben selbst übernommen. Das Drehbuch stammt von ihm, Kamera und Schnitt ebenfalls, und die männliche Hauptrolle hat er auch gleich übernommen. Geschah dies bei „Primer“ noch aus Kostengründen, so scheint Carruth nun, nachdem er sogar für den Hollywood-Blockbuster „Looper“ als Experte zum Thema Zeitreisen hinzugezogen wurde, vor allem perfektionistisch. Das Ergebnis gibt ihm Recht: „Upstream Color“ ist mit Sicherheit kein leicht zugänglicher Film, aber ein ganz besonderes Stück Science Fiction, das facettenreich und tief ist und den Zuschauer überrascht, fesselt, zum Nachdenken bringt und manchmal auch schockiert.

In Deutschland ist „Upstream Color“ bisher nicht erschienen. Die DVD ist mittlerweile über UK zu beziehen. Für alle Fans von anspruchsvoller Science Fiction eine absolute Empfehlung.

Infos zum Film

Upstream Color
USA, 2013
96 Minuten
Regie: Shane Carruth
Drehbuch: Shane Carruth
mit Amy Seimetz, Shane Carruth,
Andrew Sensening

 

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