Enemy (Denis Villeneuve)

Packender und symbol-geladener Thriller über Identität: 4.0 Stars

Filmplakat Enemy (Film von Dennis Villeneuve)

Filmplakat Enemy (Film von Denis Villeneuve)

Ein Haus gleicht dem anderen, eine Wohnung, ein Tag, ein Leben – die Welt von Geschichtsprofessor Adam Bell (Jake Gyllenhaal) ist gleichförmig und austauschbar. Sein beim ersten Hören noch einigermaßen engagiert wirkender Uni-Vortrag über totalitäre Regimes ist nur ein halbherziger Aufguss aus früheren Jahren, der schon lang keinen Studenten mehr vor Begeisterung vom Stuhl springen lässt. Die Beziehung zu Freundin Mary (Mélanie Laurent) beschränkt sich mittlerweile aufs Bett und abends bleibt Adam lieber noch alleine wach als sich mit ihr auseinanderzusetzen. Als ein Kollege ihm empfiehlt, sich doch mal einen Film anzuschauen, und gleich auch noch eine Empfehlung für eine Komödie hinterherschiebt, geht Adam dankend darauf ein. Jeder Versuch, ihn aus seinem täglichen Einerlei herauszureißen, ist ihm recht.

Auch der Film kann natürlich keine Wunder bewirken, doch als Adam nach dem Ansehen Mary durch sein rücksichtsloses Auftreten aus der Wohnung geekelt hat und schließlich allein eingeschlafen ist, erscheint ihm eine Szene aus dem Film im Traum wieder, und mit einem Mal ist ihm klar, dass er sich selbst in der Komödie gesehen hat. Zwar trägt der Schauspieler keinen Bart und sieht etwas jünger aus, aber er ist ganz eindeutig Adams Doppelgänger.

Mit Hilfe von Abspann und Google findet Adam schnell heraus, wie dieser ihm so ähnliche Mensch heißt – Daniel Saint Claire -, leiht sich noch die beiden anderen Filme mit ihm aus und entschließt sich schließlich, zu Daniels Agentur zu fahren, um mehr über den Schauspieler zu erfahren. Trotz Sonnenbrille hält man ihn vor Ort für Daniel, der in Wahrheit Anthony Claire heißt und sich mit seinem Pseudonym ohnehin schon einen Doppelgänger geschaffen hat.

Feinde: Adam und Anthony

Feinde: Adam und Anthony (Jake Gyllenhaal)

Adam macht Anthony ausfindig, telefoniert zunächst mit dessen schwangerer Frau Helen (Sarah Gadon), die die beiden auch an Hand der Stimme verwechselt. Als Adam und Anthony schließlich persönlich miteinander telefonieren, fühlen sich beide sofort bedroht, was durch ein persönliches Treffen noch schlimmer wird. Anthony, der schon mit ganz anderen Leuten zu tun hatte als mit einem verschlafenen Geschichtslehrer, muss auch in dieser ungewöhnlichen Situation die Oberhand bewahren und beginnt, Adam zu erpressen. Dabei trägt Adam, ohne es zu wissen, im wahrsten Sinne des Wortes den Schlüssel zu Anthonys düsterstem Geheimnis bei sich, das sich um verbotene Treffen und sexuelle Vorlieben dreht.


 

Enemy: Verwirrender Thriller über Identität und das Unbewusste

Enemy ist die Adaption des Romans Der Doppelgänger von José Saramago, allerdings hat sich Regisseur Denis Villeneuve auf der Bedeutungsebene stark von seinem literarischen Vorbild gelöst und damit etwas völlig Neues geschaffen. Enemy handelt auch von Identität im doppelten Wortsinn, von der Suche nach der eigenen und dem Umgang damit, dass es einen identischen Menschen gibt, der Fokus liegt aber eindeutig auf der ersten Wort-Bedeutung. Auch wenn es in Villeneuves gleichförmigem Setting, in der jeder im Hochhaus zu leben scheint, gar nicht so richtig verwundert, dass es auch gleiche Menschen gibt, löst diese Entdeckung sowohl bei Adam als auch bei Anthony natürlich existenzielle Grundängste aus. Der Umgang der beiden damit ist zunächst unterschiedlich – Adam möchte am liebsten die Büchse der Pandora, die er da geöffnet hat, schnell wieder schließen, Anthony dagegen wittert Möglichkeiten für sich selbst und ist außerdem darauf bedacht, sein Terrain abzustecken und als stärkerer hervorzugehen -, dennoch läuft es bei beiden darauf hinaus, dass sie sich kurzzeitig im Leben des Doppelgängers umsehen.

Ein Tag wie jeder andere: Adam auf der Arbeit

Ein Tag wie jeder andere: Adam auf der Arbeit

Beginn, Schluss und zwei Sequenzen in der Mitte des Films setzen sich außerdem intensiv mit dem Unbewussten auseinander, das offensichtlich sowohl Adam als auch Anthony steuert und ihre Handlungen maßgeblich bestimmt. Diese zusätzliche Symbol-Ebene stammt nicht aus der Romanvorlage und bringt den Film somit in eine etwas andere Richtung als das Buch. Durch diese Symbolik geschieht es auch, dass, anders als im Roman, am Ende ein paar Fragen unbeantwortet bleiben, die Regisseur Villeneuve auch bewusst nicht kommentiert, weil er Raum für Interpretationen lassen möchte – was er definitiv tut.

Enemy ist ein ungewöhnlicher Thriller, der fast ohne schockierende Effekte auskommt und seine Spannung vor allem aus Schnitt, Musik und der ungewöhnlichen Situation zieht. Für alle Freunde von Filmen, die sich beim ersten Sehen nicht unbedingt erschließen müssen.

Infos zum Film

Enemy
Kanada, 2013
90 Minuten
Filmverleih: Capelight
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Javier Gullón
mit Jake Gyllenhaal, Mélanie Laurent,
Sarah Gadon, Isabella Rossellini
FSK: frei ab 12

Google

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Seite verwendet Cookies. Mehr Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen