Prisoners (Denis Villeneuve)

Moralisches Dilemma verpackt in einen wahnsinnig spannenden Thriller:

Filmplakat Prisoners

Filmplakat Prisoners

Es ist leicht, als Unbeteiligter moralische Entscheidungen zu treffen, zu sagen, was richtig oder falsch ist und was man besser nicht hätte machen sollen. Regeln aufzustellen oder ihre Einhaltung einzufordern bleibt so lange einfach, bis man selbst in einer Situation ist, die zumindest nach eigenem Maßstab das Brechen von Regeln, das Überschreiten moralischer Grenzen rechtfertigt oder geradezu notwendig macht. Spätestens dann wird klar, dass richtig und falsch keine absoluten Begriffe sind.

Keller Dover (fantastisch gespielt von Hugh Jackman) bemüht sich, alles richtig zu machen. Mit seiner Frau Grace (Maria Bello) führt er eine glückliche Ehe, die Kinder Ralph (Dylan Minnette) und Anna erzieht er zu Verantwortungsbewusstsein und Respekt ihren Mitmenschen gegenüber. Ausgerechnet während einer Thanksgiving-Feier bei den Birchs, den Nachbarn der Dovers, verschwinden Anna und Joy, die Tochter der Birchs. Nachdem beide Häuser und die gesamte Nachbarschaft durchsucht wurden, erinnert sich Ralph daran, dass die Kinder beim Spaziergang ein Wohnmobil gesehen hatten, in dem sehr wahrscheinlich jemand war.

Die herbeigerufene Polizei gibt auch gleich eine Fahndung nach dem Wohnmobil aus, und als es am Waldrand entdeckt wird, verhält der Fahrer sich mehr als merkwürdig: Er setzt zurück und fährt – wohl, als er erkennt, dass er nicht fliehen kann – den Wagen gegen einen Baum. Alex Jones (Paul Dano), der auf Grund dieses verdächtigen Verhaltens natürlich sofort verhaftet wird, erweist sich jedoch im Verhör durch den erfahrenen Ermittler Loki (Jake Gyllenhaal) als nicht greifbar: Alex streitet nicht nur jedes Wissen über den Verbleib der beiden Mädchen ab, sondern versteht auch viele der Fragen nicht, weil er den geistigen Entwicklungsstand eines 10jährigen hat.


 

Prisoners: Gefangene der eigenen Handlungen

Da die Polizei keine Handhabe gegen Alex hat, lässt man ihn nach 48 Stunden pflichtgemäß wieder frei. Keller ist sich jedoch sicher, dass dieser Mann seine Tochter entführt hat. Er versucht, während der Entlassung an Alex heranzukommen, und dieser flüstert ihm in dem Tumult zwischen Polizei, Presse und Alex‘ Tante, bei der er lebt, zu: „Sie haben erst geweint, als ich weg bin.“ Für Keller steht Alex‘ Schuld nun noch mehr fest, doch da außer ihm niemand den Satz gehört hat, weigert sich die Polizei, der Spur weiter nachzugehen.

Zwischen Schuldgefühlen und erlebter Machtlosigkeit bringt ein Vorwurf von Grace die Wende für Keller: Seine Frau ist verzweifelt, weil er sie nicht beschützen konnte. Um dies wieder ins Lot zu bringen und um jede Chance zu nutzen, seine Tochter wieder zu finden, überschreitet Keller jegliche moralische, rechtliche und gesellschaftliche Grenze: Er entführt Alex, um die Informationen zum Verbleib der Mädchen selbst zu beschaffen – mit allen notwendigen Mitteln.

Prisoners schildert eindringlich ein moralisches Dilemma: Vater Keller hat nur das Ziel, seine Tochter zu retten, und um dieses Ziel zu erreichen, ist er bereit, sich von allen anderen Werten, die er vertritt und auch an seine Kinder weitergibt, zu verabschieden. Ein sicher auch von ihm sonst strikt abzulehnendes „Der Zweck heiligt die Mittel.“ wird zur Maxime seines Handelns und Denkens, und er schreckt nicht einmal davor zurück, seine Nachbarn ebenfalls in seine Taten einzubeziehen. Das moralische Dilemma wird in Prisoners auch nicht gelöst – sonst wäre es ja auch kein Dilemma -, doch schon allein die gestellte Frage, ob es nur an der Dringlichkeit des Zwecks liegt, dass er vielleicht doch die Mittel heiligen kann, deutet eine Antwort an.

Neben der interessanten psychologischen Fragestellung ist Prisoners aber auch ein absolut spannender Thriller, der an die Grenzen dessen geht, was man sich in Ruhe ansehen kann. Die knapp zweieinhalb Stunden vergehen wie im Flug und unter höchster Anspannung. Dafür sorgen das immer wieder überraschende Drehbuch, die zu 100% glaubwürdige Darstellung aller Schauspieler sowie die immer wieder erstaunliche Kameraführung durch Roger Deakins, dem „Stamm-Kameramann“ der Coen-Brüder und von Sam Mendes. Wenn beispielsweise das Wohnmobil in einer der ersten Szenen an den Dovers vorbeifährt, während die Familie zum Thanksgiving-Essen geht, und man Eltern und Kinder aus Sicht des Fahrers beobachtet, lässt allein die Perspektive, aus der man abwechselnd den Wagen und die Familie sieht, nichts Gutes ahnen. Auch die Distanz zu den Figuren wird Stück für Stück verringert und erfolgt durch ein kameraseitig sehr behutsames Annähern an die Protagonisten, die man anfangs nur von hinten oder aus der Entfernung sieht, bis man sich ihnen nicht nur erzählerisch, sondern auch bildtechnisch nähert. Nicht umsonst war Roger Deakins für seine Arbeit an Prisoners für den Oscar nominiert, und auch Denis Villeneuve arbeitete nach Prisoners bereits ein weiteres Mal mit ihm zusammen.

Prisoners ist sicher nichts für zarte Gemüter, weil der Spannungspegel hoch und die Gewaltszenen zwar selten, aber drastisch sind. Für Fans von psychologischen Filmen mit Tiefgang und Nervenkitzel ist der mittlerweile auf DVD erschienene Film jedoch ein absolutes Muss.

Infos zum Film

Prisoners
USA, 2013
148 Minuten
Filmverleih: Tobis Filmverleih
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Aaron Guzikowski
mit Hugh Jackman, Jake Gyllenhaal, Paul Dano,
Viola Davis, Maria Bello, Terrence Howard,
Melissa Leo, Dylan Minnette
FSK: frei ab 16

 

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