Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (Guillermo del Toro)

Handwerklich großartig umgesetztes Liebesmärchen

Oft wissen wir gar nicht, was uns dazu bringt, einen Menschen zu lieben. Manche lieben jemanden, der sie zum Lachen bringt, manche jemanden, der ihnen ermöglicht, über sich selbst hinaus zu wachsen. Und es gibt auch Menschen, die jemanden lieben, der ihnen nicht gut tut, obwohl sie das wissen. Woher diese Gefühle kommen, können wir oft selbst nicht erklären, irgendwie scheint etwas im Anderen uns zu vervollständigen – und umgekehrt. Gerade dieses nicht Erklärbare macht ungewöhnliche Liebesgeschichten zum perfekten Stoff für Romane und Filme. Einen solchen Film hat Guillermo del Toro mit Shape of Water vorgelegt.

Darin arbeitet die stumme Elisa (Sally Fields) in einem geheimen Regierungslabor als Reinigungskraft. Mit ihrer Freundin Zelda macht sie das Beste aus ihrem Job, auch wenn die Arbeitsbedingungen nicht gerade toll sind. Ansonsten hält sich Elisa streng an einen genauen Ablauf, macht sich immer dieselben Sandwiches, kümmert sich um ihren erfolglosen Künstler-Nachbarn und masturbiert sogar jeden Morgen um dieselbe Zeit. Vielleicht ist sie nicht glücklich, aber in jedem Fall zufrieden mit dem, was sie hat.

Ihre schöne Struktur wird durcheinander gebracht, als der ehrgeizige und skrupellose Sicherheitschef Strickland (Michael Shannon) seinen „Fang“ ins Labor bringt. Im Amazonas hat er einen Amphibienmenschen entdeckt, der nicht sprechen kann, aber über Intelligenz verfügt. Das Wesen wurde in seiner Heimat wie ein Gott verehrt, und Strickland möchte mit allen Mitteln herausfinden, ob es über besondere Kräfte verfügt, die den USA im kalten Krieg gegen die Sowjetunion helfen könnte. Und „alle Mittel“ bedeutet wirklich alle.

Shape of Water - Das Flüstern des Wassers

Ein Wesen aus einer fremden Welt

Elisa und Zelda werden abgestellt, um den Raum, in dem das Wesen gefangen gehalten wird, zu putzen, und Elisa nähert sich ihm angstfrei und neugierig. Ist es ein Monster? Ist es ein Gott? Für Strickland ist es ein Ding, das man für seine Zwecke nutzen und notfalls töten kann. Für Elisa passt schon das „es“ nicht mehr. Der Amphibienmensch ist derjenige, der sie so sieht, wie sie ist, für den ihr Stummsein nichts Besonderes ist, weil er selbst auch nicht sprechen kann. Der sie braucht und liebt und den sie deswegen wieder liebt.

Zunächst kümmert sich Elisa heimlich um ihren neuen Freund. Doch bald schon erfährt sie, dass Strickland ihn töten will, um ihn nicht in die Hände der Russen fallen zu lassen. Elisa entschließt sich, einzugreifen und das Wesen zu retten, auch wenn sie sich selbst dabei in Gefahr begibt.

Das Thema von Shape of Water ist einerseits natürlich die Liebe zwischen Elisa und dem Amphibienmenschen, die Ängste, negative Vorurteile und auch anatomische Grenzen überwindet. Dahinter liegt das weiter gefasste Motiv des Umgangs mit Fremdem: Elisa ist stumm, was ungewöhnlich ist und ihr deswegen sämtliche Chancen im Leben nimmt. Ihr Nachbar kann seine Homosexualität nicht frei leben. Die Russen gelten bei den Amerikanern als böse und bei den Russen die Amerikaner. Und ein Wesen, dass noch nicht eingeordnet und klassifiziert wurde, ist natürlich ein Gegner, und kein Freund. Was Offenheit und Vertrauen auch dem Fremden gegenüber auslösen kann, zeigt dagegen Sally, die wohl die wunderbarste (und einzige) Liebe ihres Lebens erlebt. Und das, obwohl ihr Angebeteter kein  zart besaiteter und falsch verstandener Poet im Körper eines Monster ist, sondern gerade weil er durchaus auch animalische Züge hat.

Ist der Amphibienmensch aus Shape of Water dieselbe Figur wie Abe Sapien aus Hellboy?

Nachdem Regisseur Guillermo del Toro bereits vor Jahren ein Hellboy-Spin-off über die Figur des Aqua-Menschen Abe Sapien angekündigt hatte und die Hauptfigur seines neuen Films ein Amphibienmensch ist, fragen sich viele, ob Shape of Water im Grunde eine Geschichte über Abe Sapien ist. Ein paar Gemeinsamkeiten gibt es: Sie sehen sich äußerlich ein wenig ähnlich, essen beide gerne Eier und werden außerdem vom selben Schauspieler, nämlich von Doug Jones verkörpert.

Guillermo del Toro hat sich jedoch eindeutig zu dieser Frage geäußert und festgestellt, dass Shape of Water kein Abe Sapien-Film ist. Neben den oben genannten Punkten sind die beiden Figuren auch unterschiedlich. Der Amphibienmensch ist viel wilder und erlernt Kommunikation erst durch Elisa, während Sapien telepathisch begabt ist.

Wie viele der vielen Oscar-Nominierungen hat Shape of Water wirklich verdient?

Shape of Water war bei den Nominierungen 2018 der absolute Oscar-Abräumer. Er bekam immerhin 13 Oscar-Nominierungen. Zum Vergleich: Das haben außer Shape of Water bisher nur neun andere Filme geschafft und nur drei erreichten 14. Unter den Nominierungen finden sich auch einige der wichtigsten: Bester Film, Beste Regie, Bestes Originaldrehbuch. Auch Sally Hawkins als Hauptdarstellerin wurde nominiert und die beiden Nominierungen für die beste Nebendarstellerin und den besten Nebendarsteller erhielt der Film ebenfalls. Dass ausgerechnet Michael Shannon als einziger der Schauspieler nicht nominiert wurde, kann ich wiederum nicht verstehen, da seine schauspielerische Leistung im Film meiner Meinung nach die mit Abstand beste ist.

Die meisten dieser Nominierungen hat Shape of Water definitiv verdient. Die Musik ist perfekt, die Kamera zeigt nie da gewesene Bilder, Sally Hawkins lebt ihre Rolle und die Geschichte ist wirklich bezaubernd. Ein bisschen wirkt es jedoch so, dass auf die Perfektion der Einzelteile so viel Wert gelegt wurde, dass am Ende kein stimmiges Ganzes herauskam. Man fühlt sich, als hätte jemand zum perfekten Abendessen eingeladen, alle Zutaten in den besten Läden der Stadt gekauft, einen tollen Koch engagiert und die beliebteste Band spielen lassen. Alles war super, man ist auch froh, dass man dieses tolle Essen miterleben durfte, aber damit es der beste Abend aller Zeiten hätte werden können, fehlte eine besondere Stimmung, die einfach nicht aufkommen wollte. Vielleicht, weil nicht wirklich etwas da ist, was das Ganze im Inneren zusammenhält.

Daneben bin ich wieder einmal über den deutschen Titel verwundert. Warum hat man das „the“ gestrichen? So hört sich der Titel nach einem indianischen Namen an, was angesichts der Namenslosigkeit des Amphibienmenschen vielleicht sogar bewusst war. Warum aus der Form von Wasser aber das Flüstern des Wassers werden muss, und das in einem Film, in dem die Kommunikation über große Teile ohne gesprochene Worte auskommen muss, bleibt für mich ein Rätsel.

Davon abgesehen ist Shape of Water ein durchaus sehenswerter Film, der in allen „Einzel-Disziplinen“ handwerklich hervorragend umgesetzt ist und einen während des Sehens vollständig für sich einnimmt. Viel länger hält der Zauber anschließend nicht an, sodass Shape of Water für mich nicht der beste, aber immerhin ein guter Film ist.

Infos zum Film

Shape of Water – Das Flüstern des Wassers
(The Shape of Water)

USA, 2017
123 Minuten
Filmverleih: Fox Deutschland
Regie: Guillermo del Toro
Drehbuch: Guillermo del Toro, Vanessa Taylor
mit Sally Hawkins, Michael Shannon, Richard Jenkins, Doug Jone, Michael Stuhlbarg, Octavia Spencer
FSK: frei ab 16


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