Get Out (Jordan Peele)

Get out ist eine ungewöhnliche filmische Umsetzung des Themas Rassismus:

Die Eltern des neuen Freunds oder der neuen Freundin zum ersten Mal zu treffen, ist immer ein aufregendes Ereignis. Schließlich möchte man mit einem guten Eindruck den Grundstein zu einer harmonischen, möglichst unbelasteten Beziehung legen. Chris Washington (Daniel Kaluuya) macht sich über dieses erste Treffen noch mehr Gedanken als andere. Denn seine Freundin Rose Armitage (Allison Williams) informiert ihn kurz vor der Abreise ins Wochenende bei ihrer Familie darüber, dass sie ihren Eltern noch keine genaueren Details über Chris erzählt hat. Vor allem wissen sie nicht, dass er Afroamerikaner ist, während Familie Armitage selbst die typische weiße Mittelschichtsfamilie im weiß geprägten Vorort repräsentiert.

Rose schafft es, Chris zu beruhigen, indem sie ihm versichert, dass ihre Eltern auf keinen Fall rassistisch sind. Die Begrüßung durch Vater Dean und Mutter Missy (Catherine Keener) verläuft auch sehr freundlich und offen, nur Roses Bruder Jeremy zeigt schon beim Abendessen kompetitive Züge. Dass die Armitages zwei afroamerikanische Hausangestellte haben, findet Chris seltsam, doch Rose versichert ihm, dass die beiden quasi zur Familie gehören. In Summe verläuft der Abend im Haus von Roses Eltern so, wie erste Treffen mit den Eltern des Partners oder der Partnerin verlaufen: ein bisschen peinlich, ein bisschen abtastend, in Summe aber sehr nett. Den Armitages gefällt nur nicht, dass Chris raucht, und Missy – von Beruf Psychologin – bietet Chris an, ihn mit einer von ihr entwickelten Spezial-Hypnose zu heilen.

Get out

Get out – und zwar möglichst schnell

Chris will sich ganz sicher nicht von der Mutter seiner Freundin hypnotisieren lassen. Stattdessen wundert er sich mehr und mehr über einige Dinge, die im Haus der Armitages geschehen. Der Hausangestellte scheint nachts eine Art Rennen zu veranstalten, irgendjemand verhindert immer wieder, dass Chris sein Handy auflädt, und Jeremy entpuppt sich langsam aber sicher als richtiges Ekel. Als Chris nachts nach draußen geht, um zu rauchen, erwartet ihn nach seiner Rückkehr Missy. Wieder schlägt sie ihm vor, dass sie ihn hypnotisieren kann, was er immer noch nicht möchte. Doch Missy braucht für ihre Super-Hypnose gar keine Einwilligung. Anschließend hat Chris tatsächlich kein Bedürfnis mehr nach Zigaretten.

Doch die unheimlichen Vorfälle im Haus von Roses Familie nehmen zu. Höhepunkt scheint eine Garten-Party der Armitages zu sein, bei dem jeder der betagten (und natürlich weißen) Freunde der Familie zum Ausdruck bringt, wie wenig rassistische Vorurteile er doch hat. Chris darf sich anhören, dass Rap-Musik super ist, Afroamerikaner die besseren Körper haben und Obama ein wirklich toller Präsident ist. Richtig seltsam ist jedoch, dass eine der älteren Damen offensichtlich mit einem Afroamerikaner in Chris‘ Alter zusammen ist, der Chris einen gut gemeinten Rat gibt: Get out!

Sundance-Premiere und Oscar-Nominierung

Eins vorneweg: Einen Film wie Get out habe ich vorher und auch nachher nicht gesehen. Dies liegt an der ungewöhnlichen Umsetzung eines ernsten Themas in Form eines Horrorfilms. Horrorfilme ziehen ihre Kraft daraus, bestimmte Ängste beim Zuschauer auszulösen oder – was noch effektiver ist – vorhandene Ängste zu verstärken.

Der Horror in Get out ist der Horror von Diskriminierten. Wer sein Leben lang gelernt hat, dass er auf Grund von Hautfarbe, Religionszugehörigkeit oder Geschlecht ausgeschlossen oder schlechter behandelt wird, eignet sich ein gewisses Grund-Misstrauen gegenüber den diskriminierenden Gruppen an. Blicke, Worte, Handlungen werden genau beobachtet und aus reiner Vorsicht analysiert. Und oft behält man mit dem Gespür für latente Diskriminierung Recht.

Regisseur Jordan Peele spielt geschickt mit dieser Grund-Angst, dass hinter dummen oder gut gemeinten Sprüchen mehr und Schlimmeres steckt. Jeder kennt diese pseudo-weltoffenen Konservativen, die ihre angebliche Liberalität mit leicht durchschaubaren Sätzen wie „Ich lese auch Bücher von Frauen“, „Einige meiner besten Freunde sind jüdisch“ oder eben wie in Get out „Ich habe Obama gewählt“ ungefragt zum Ausdruck bringen – natürlich nur Angehörigen der Gruppe gegenüber, denen sie die nur sich selbst verborgenen Ressentiments hegen. In Peeles Film steckt hinter solchen nicht rassistisch gemeinten, aber im Kern natürlich absolut rassistischen Aussagen wirklich mehr: der blanke Horror, der Chris‘ Existenz einfach auf Grund seiner Hautfarbe bedroht.

Get out ist insofern ein sehr ungewöhnlicher Film, denn er zeigt den Alltagshorror Diskriminierter durch deren Augen; und zwar nicht in Form einer Dokumentation oder eines Dramas, sondern in einem Horrorfilm. Und auch wenn Teile der Entwicklung im Film vorhersehbar sind, hält er doch einige Schock-Momente und überraschende Wendungen bereit. Vor allem aber lässt er den Zuschauer ganz nah miterleben, wie es sich anfühlt, wenn die schlimmsten Befürchtungen wahr werden – oder sogar noch übertroffen.

Auf dem Sundance Film-Festival 2017 feierte Get out im letzten Jahr seine Premiere. Seitdem hat er bei etlichen Filmpreisverleihungen abgeräumt. Aktuell ist er für insgesamt vier Oscars nominiert, und zwar vier der Big Five: Bester Film, Beste Regie, Bestes Originaldrehbuch und Bester Hauptdarsteller. Große Chancen hat der mit nur vier Millionen US-Dollar produzierte Independent-Film wahrscheinlich nicht. Die Oscar-Nominierung dürfte dem Film aber immerhin eine noch größere Fan-Gemeinde verschaffen.

Infos zum Film

Get out

USA, 2017
104 Minuten
Filmverleih: Universal Pictures
Regie: Jordan Peele
Drehbuch: Jordan Peele
mit Daniel Kaluuya, Allison Williams, Catherine Keener, Bradley Whitford, Caleb Landry Jones, Marcus Henderson, Betty Gabriel
FSK: frei ab 16


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