AB 31. MAI IM KINO: Tully (Jason Reitman)

Feinfühliger Film über den Alltag einer Mutter:

Filmplakat zu Tully

Marlo (Charlize Theron) ist mit ihrem dritten Kind schwanger und überfordert. Ihr Bruder (Marc Duplass), ein neureicher Erfolgsmensch, der Familie und Job scheinbar mit links unter einen Hut bringt, rät ihr zu einer „Nacht-Nanny“: Sie kommt nachts, um sich um ihr Baby zu kümmern, und weckt Marlo, wenn es Hunger hat, damit sie den Rest der Nacht durchschlafen kann. Marlo, die nach der Geburt des letzten Kindes schon eine Depression durchgemacht hat und seitdem nie wieder dieselbe wurde, lehnt das zunächst ab. Doch als das Baby da ist, ihr verhaltensauffälliger Sohn von der Schule verwiesen wird und ihr Mann Drew (Ron Livingston) bis zum Hals in Arbeit steckt, sieht sie ein, dass ihr alleine alles über den Kopf wächst, und ruft doch bei der Nanny an.

Diese ist nicht gerade das, was Marlo sich unter einem Kindermädchen vorgestellt hat: Tully (Mackenzie Davis) ist 26 Jahre jung, etwas unkonventionell, aber sehr freundlich, und ein wahres Energiebündel. Sie strahlt genau die jugendliche Frische und Sorglosigkeit aus, die Marlo irgendwo zwischen ihren wilden Zwanzigern und der Familiengründung verloren hat. Schnell wird ihr klar, dass Tully genau das ist, was sie braucht: Sie kümmert sich nicht nur um Baby Mia, sondern auch um den Haushalt und nicht zuletzt um Marlos Seelenheil. Sie hört zu, bringt sie zum Lachen und zwischen den beiden Frauen entspinnt sich eine enge Freundschaft. Mehr noch – hie und da bringt die lebensfrohe Babysitterin eine Prise Erotik in den Alltag der müden Hausfrau. Es geht sogar so weit, dass Marlo Tully eines Tages mit in ihr abgekühltes eheliches Bett nimmt – zur Verblüffung ihres Ehemannes.

Kindermädchen Tully ist fast zu schön, um wahr zu sein

Tully erweist sich als unverzichtbare Hilfe für die Familie, und zwar in allen Lebenslagen. Marlo entwickelt wieder Freude und Energie. Sie räumt auf, spielt mit den Kindern und bringt neuen Schwung in ihr Eheleben. Es ist fast zu schön, um wahr zu sein.

Doch alles ändert sich in einer verhängnisvollen Nacht, als Tully Marlo spontan überredet, auszugehen. In Marlos altem Viertel in New York, mit dem sie viele schöne Jugenderinnerungen verbindet, geben sich die beiden ordentlich die Kante. Doch die guten alten Zeiten lassen sich nicht so einfach wieder zum Leben erwecken. Marlo vermisst ihr Baby, ihre milchüberladenen Brüste schmerzen und vom Alkohol muss sie sich übergeben. Sie ist eine Mutter in den besten Jahren und kein zwanzigjähriges Partygirl mehr. Und auch Tully will sich verändern und nicht länger bei ihr bleiben …

Die vermeintliche Partynacht endet in einem Unfall. Als Marlo erwacht, macht sie eine überraschende Entdeckung …

Mary Poppins ohne Löffelchen voll Zucker

Tully stammt von den Machern von Juno und trägt auch dieselbe Handschrift. Wieder ist es eine Schwangerschaftsthematik, auf der der Film aufbaut, allerdings ist die Geschichte eine komplett andere.

Der Film zeigt einfach den Alltag einer Familie aus der Sicht einer völlig ausgelaugten Mutter. Kein tolles Haus, keine zuckersüßen Kinder, keine Idylle – sondern der ganz normale Wahnsinn von Windelwechseln, Verhaltensauffälligkeiten und abgekühlten Ehen, wie sie eben vorkommen. Mit Bildern und Szenen, die nicht so sind, wie sie sein sollen, sondern wie sie eben sind – ungeschönt und unaufgeregt. Und es gibt auch keine bezaubernde Kamera, die das Alltägliche in ein märchenhaftes Licht taucht, sondern im Gegenteil verwackelte Nahaufnahmen, fast dokumentarisch.

Da werden Szenen gezeigt, die man lieber nicht sehen würde: Zum Beispiel, wie Tully und Marlo auf dem Klo einer Bar versuchen, die Milch aus Marlos übervollen Brüsten zu pressen. Milchflecken auf dem T-Shirt. Die Speckfalten einer dreifachen Mutter. Kotzeflecken und schmutziges Geschirr. Dabei driftet der Film aber nie ins Eklige. Nichts wird geschönt, aber auch nichts übertrieben. Alles ist so, wie es eben ist. Wie es sein kann.

Klingt langweilig. Ist es vielleicht auch. Aber es ist gut. Und darum geht’s in diesem Film. Tully zeigt ganz einfach, dass etwas gut sein kann, ohne im herkömmlichen Sinne schön zu sein. So einfach, so brillant.

Normalsein ist ok

Diese Message transportiert der Film mit einer beeindruckenden Feinfühligkeit und einem Gespür für das richtige Maß auf jeder Ebene. Hier gibt es genau die richtige Dosis an Momenten der Zärtlichkeit und Intimität neben rauen oder auch nichtssagenden Alltagsbildern, die die Realität einer Familie widerspiegeln.

Es geht nicht um Ästhetik, sondern um etwas Echtes. Der Film Tully ist weniger kunst- als mehr liebevoll, nicht besonders schön, sondern ziemlich wahr. Genau wie Charlize Theron, die hier mal wieder zeigt, wie hinreißend und vielseitig eine abgebrannte, geschlauchte Ottonormal-Figur sein kann. Und das ganz ohne falsches Pathos – beachtlich.

Wir müssen eigentlich nur mitfließen

Man verlässt das Kino nicht mit diesem Kribbeln im Bauch, diesem abenteuerlichen Wunsch, auch so etwas Spannendes erleben zu können. Denn im Grunde passiert hier gar nichts, außer dass eine Frau ihren Alltag meistert. Deswegen lässt Tully einen mit einem viel ruhigeren, nachhaltigeren Gefühl zurück: dem Gefühl, dass alles immer weitergeht und weiterfließt und dass wir eigentlich nur mitfließen müssen, damit alles gut wird – denn das tun wir ohnehin.

Das Baby wächst rasant, die anderen Kinder werden reifer, die Beziehung wandelt sich. Der Ehemann spielt lieber Playstation, als mit seiner Frau zu kuscheln. Und trotzdem ist die Ehe gut. Der Punkt ist gekommen, an dem das Funktionieren der Liebe sich nicht mehr in ausgefallenen Sexspielen zeigt, sondern daran, dass man zusammen Gemüse schneidet.

Ist das tragisch? Nein, das ist normal. Ist Normalsein schlecht? Nein, es ist ok. Aber ist ok weniger als gut? Nein, auch das nicht. Es ist einfach so.

Tully ist ein guter, optimistischer Film – ein Hoch auf die Veränderung.

Infos zum Film

Tully
USA 2018
96 Minuten
Regie: Jason Reitman
Drehbuch: Diablo Cody
Schauspieler: Charlize Theron, Mackenzie Davis, Marc Duplass, Ron Livingston
FSK: 12

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